Ein Monat zu Hause

Es prallen Welten aufeinander. Plötzlich wieder dort zu sein, wo eigentlich dein Zuhause ist, aber trotzdem ist alles anders – ich bin anders.

Ankommen

Alles war zunächst überwältigend. Ich habe mir einen ganzen Tag gegeben, an dem ich nur in unserem Haus bin und mich wieder an diese vier Wände gewöhne. An Kleinigkeiten wie ein Zimmer nur für mich, ein Kleiderschrank bis obenhin gefüllt, eine Kaffeemaschine mit köstlichem Kaffee auf Knopfdruck, Toilettenpapier, kein Surren vom Ventilator an der Decke, Ruhe, … Diese Liste könnte ich wohl noch unendlich weiterführen.

Einen Tag später hatte ich dann die Fahrradfahrt meines Lebens. Man kann mir ja kaum absprechen, dass ich viel Fahrrad gefahren bin in Indien. Aber diese Fahrt erschien mir schwerer als jeder Fahrradausflug des letzten Jahres. Automatisch zog mich mein Gefühl immer an die linke Seite der Straße und meine Augen konnten sich nicht entscheiden, wo sie hinschauen sollen. Ich musste alles genau betrachten von Häuser über Autos und Menschen. Alles wirkte fremd, aber war natürlich sehr vertraut.

Bei manchen Sachen streikte mein Körper noch; ich kann nicht ohne irgendwelche Geräusche einschlafen, mein Bauch wundert sich über das Essen und viele Sachen versetzen mich noch in Staunen. Aber das ist alles normal und nichts ungewöhnliches. Denn sind wir mal ehrlich – ich habe 18 Jahre in Deutschland gelebt und das ist meine Heimat, in Indien war ich nur 1 Jahr.

Es war mir aber jedes Mal wieder eine Freude ein Stückchen Indien weiterzugeben. So habe ich zum Beispiel meiner Oma einen Saree mitgebracht und sie eingekleidet.

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Auch einen Chai haben wir zusammen gekocht und haben so die Ruhe und Gelassenheit von Indien ein wenig auch in Deutschland schmecken können.

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Meine besten Freundinnen Clara und Sarah haben zudem einen kleinen Kochabend in trauter Runde organisiert, wo Benni und ich in ferne kulinarische Welten entführen sollten. Benni und ich sind ja zusammen gestartet und haben nun ein wenig Bolivien und Indien mit zurückgebracht.

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…und natürlich war es insgesamt einfach heimelig Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen – und dabei zu wertschätzen, was sie mir alle für eine unglaubliche Stütze in dem Jahr waren!

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Was bleibt…

Was bleibt? Ich glaube, der Umfang ist mir noch nicht bewusst. Ich habe so viel mitgenommen; ich habe unbeschreibliche Menschen getroffen, Dinge erlebt und gesehen, die ich mir nie hätte vorstellen können und einfach jeden Tag dazu gelernt. Wie könnte mir da jetzt bewusst sein, was mich noch alles begleiten wird..?

Manche Dinge fallen mir aber schon auf. Ich denke, dass ich wenigstens ein kleines Stückchen der Gelassenheit und Ruhe, die ich in Indien bei allem hatte, beibehalten kann. Ich wertschätze Waschmaschine, Geschirrspüler oder Staubsauger. Ich habe ein besseres Bewusstsein für unsere Ressourcen und frage mich öfter: brauche ich das? Ist das notwendig? Und ich kann immer im Hinterkopf behalten, dass ich ganz problemlos auch minimalistisch leben kann, denn in Indien – war das auch nie ein Problem für mich!

Es bleiben wundervolle Menschen, die mich ein Jahr begleitet haben; die mich ein Jahr geprägt haben; durch die ich gelernt habe; die sich mit mir entwickelt haben; mit denen ich alles geteilt habe. Wir haben eine immer besondere Verbindung.

Und die wird sicherlich auch durch die Erfahrung bleiben, obwohl wir uns sicherlich kaum sehen werden, aufgrund von Distanz und Alltag. Trotzdem hatte ich das Glück schon zwei tollen Menschen wieder zu begegnen!

Wieske, die uns schon im Februar verlassen musste, habe ich in Amsterdam gesehen.

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Justus habe ich in Tübingen besucht, da dort auch mein Abschlussgespräch stattfand.

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Es ist beruhigend zu merken: an unserer Beziehung ändert sich trotz Entfernung und Zeit nichts. Und auch mit den anderen telefoniere ich von Zeit zu Zeit und die nächsten Begegnungen sind in Sicht.

Es bleiben aber vor allem all jene süßen Erinnerungen an die Kinder. Das Wissen, dass diese kleine Menschen teilweise so unvorstellbar grausame Dinge erleben mussten, die ich wohl mein Leben lang nie ertragen muss. Und wie wertvoll das für mich ist. Nun auch meine Gewissheit: effektiv gebraucht wurde ich dort nicht. Die Projekte um Navajeevan laufen auch bestens ohne Freiwillige. Aber es war gut, dass ich da war. Denn Freiwillige können den Kindern ganz andere Sachen geben. Einfach für sie da sein, ihnen zuhören, ihnen Nähe und Liebe schenken und den individuellen Blick fördern. Sachen, die die Mitarbeit vor Ort aufgrund belastender Arbeitskonditionen nicht immer können und wofür ihnen auch oftmals die Kraft fehlt. Wir brachten einen Ausgleich und Neues. Deswegen ist die Arbeit vor Ort und die Arbeit vom BDKJ und weltwärts unfassbar wichtig.

Ich würde es jederzeit wieder machen, das steht außer Frage!

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Ich kann überhaupt nicht aufzählen, was ich alles für Schätze mitgenommen habe, aber wenn mir in Indien oder Deutschland jemand für meinen Dienst dankte, kann ich immer nur sagen: mir wurde durch Indien so viel mehr geschenkt, als ich jemals hätte geben oder helfen können.

Dem Großteil der Welt geht es schlechter als mir. Auch wenn ich das dank Zahlen und Statistiken schon vorher wusste, habe ich es nun zum Teil tatsächlich erlebt und mit eigenen Augen gesehen. 

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Wenn man sich fragt, womit man es verdient hat im reichen und privilegierten Deutschland zu leben, kommt man schnell drauf: hat man nicht.

Man kann nur das Beste daraus machen; helfen und Freude verbreiten

 

Abschied von Indien

Bereits als ich mich entschieden hatte, ein Jahr in Indien zu leben, war mir natürlich bewusst, dass es auch heißt, mich nach einem Jahr wieder von diesem Land zu verabschieden. Vom Land, von den Leuten, von den Gepflogenheiten, meinem Alltag und Umfeld und von der ganz anderen Stimmung und Mentalität, die dort herrscht.

Ich hätte mir eigentlich auch keinen schöneren Abschied vorstellen können.

Eine Woche vor unserem Abflug hatten wir eine Verabschiedung im Chiguru mit den Kindern und Mitarbeitern. Sophia, Lilli, Tobi, Johnny, Justus und ich wurden verabschiedet. Auch wenn Sophia und Lilli erst einen Monat nach uns fliegen werden, haben wir sechs doch die meiste Zeit gemeinsam verbracht, haben miteinander gelernt, waren uns gegenseitig Stütze und haben uns geprägt. Ein Jahr lang engste Familie.

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Die Kinder haben Tänze vorbereitet, bei denen ich natürlich mittanzen durfte und die Kinder richtig froh waren, dass auch Cara sister mit dabei ist. Wir hatten sogar die Ehre, dass die höchsten Salesianer der Region unserer Feier beiwohnten.

bad88e6f-ff4e-4da5-b8e2-0934f0810af2.jpgWir Freiwilligen haben es uns auch nicht nehmen lassen und uns für die Kids einen Tanz ausgedacht. Das ganze Jahr über haben sich die Kinder sowieso am meisten gefreut, wenn auch wir Freiwilligen mal unsere Tanzkünste ausgepackt haben. Wir haben uns den Song „This is me“ ausgesucht und mit jedem Tanzschritt einen ermutigenden Auftritt schaffen wollen. Das Lied sollte den Kindern Kraft geben, dass auch wenn sie von der Straße kommen und schwere Sachen erlebt haben, wir an sie glauben und überzeugt sind, dass sie zu großen Dingen bereit sind. Sicherlich haben die wenigstens die Botschaft wirklich verstanden, aber es war uns trotzdem eine Herzensangelegenheit.

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Die letzte Woche in Indien habe ich mich Stück für Stück von den anderen Projekten, den Mitarbeitern, der Stadt Vijayawada und Indien verabschiedet. Ich war an den verschiedenen Stellen, habe nochmal gesagt, was ich gesagt haben wollte.

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eine wundervolle Frau, die für Konsultationen der Kinder zuständig ist und dann nach bestem Gewissen entscheidet, was mit dem Kind passiert. Sie war mir das ein oder andere Mal eine große Stütze bei manchen Kindern
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Unsere Köchin und liebenswerte, aber auch temperamentvolle indische Power-Frau

Dann habe ich auch einen Tag gemeinsam mit Justus eine Rundtour durch Vijayawada und Umgebung gemacht und wir haben nochmal eine alte Burgruine und die Riesenstatue vom Affengott Hannuman besucht.

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Die Zeit über habe ich vor allem auch genossen nochmal mit meinen Mitfreiwilligen über viele wichtige Dinge zu sprechen. Zurzeit kennen wir uns gegenseitig einfach am besten und es sind sie ehrlichsten Unterhaltungen gewesen.

Ich habe nochmal das gute Essen hier genossen und all die Dinge gemacht, die mir das Jahr über wichtig wurden. Wir haben es dann auch endlich geschafft mal in ein richtig besonderes Kino zu gehen und unseren letzten Telugu-Film (Tollywood) zu schauen.

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Gesegnet wie wir sowieso schon das ganze Jahr über waren, hatten wir auch noch das Glück, dass Justus und ich den selben Flieger wie Tobi und Johnny nach Delhi hatten.

Wir wurden dann begleitet von all unseren lieben Mitfreiwilligen zum Flughafen gebracht und hatten zum Abschluss auch nochmal eine durch und durch indische Autofahrt, mit Hupen, Schlangenlinien und doppelt so vielen Mitfahrenden wie Plätze.

Am Flughafen angekommen wurden letzte emotionale, dankbare und schwere Worte ausgetauscht, aber schlussendlich wussten wir alle: es ist Zeit zu gehen.

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Ich hatte das Glück, nicht sagen zu müssen: halt, ich kann noch nicht gehen! ich bin noch nicht fertig! nein, ich hatte wirklich das Gefühl alle Chancen bestens ausgenutzt zu haben, keine Rechnung offen zu haben und nichts verpasst zu haben.

Ein Abschied, der mir aber fast am schwersten gefallen ist, war der, von meiner indischen Freundin und engen Vertrauten. sie hatte mir viele Dinge über die indische Kultur besser erklären können, hat mir ganz andere Einblicke in das Leben einer indischen Familie gewährleistet und war immer seelische Stütze. Während ich die Österreicher und anderen Deutschen dank dem Zug ganz gut erreichen kann, bleibt es komplizierter Nalini wiederzusehen und der Abschied erschien endgültiger.2c216b90-3451-4fcc-9439-e5342cfc281e.jpg

Aber mit dem Blick nach vorn, ging die Reise los. Begleitet von einigen Problemchen mit dem Gewicht des Gepäcks, sind wir vier dann nach Delhi geflogen und haben unser Flughafenhotel bezogen.

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Bis in die späte Nacht hinein hatten wir dann noch ernste und weniger ernste Gespräche. Denn eine Durchgangstür zwischen dem Zimmer der Österreicher und unserem erlaubte es uns noch ein letztes Mal das richtige WG-Leben zu genießen.

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Ein letztes indisches Frühstück konnten wir dann auch noch gemeinsam erleben bis wir uns in Delhi dann auch noch verabschieden mussten und uns damit vom letzten Stückchen Heimat Vijayawada und Indien trennten.

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Für unseren Flug nach Frankfurt trafen wir dann auch Debora wieder, unsere dritte BDKJ-Indien-Freiwillige, die von Trivandrum kam.

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Nach einer sicheren Landung in Frankfurt, wurden wir drei von unseren Familien herzlichst in Empfang genommen. Und nachdem die Nachricht aus Wien kam, dass auch Johnny und Tobi sicher gelandet waren, konnten wir alle beruhigt zurück nach München, Tübingen und Halle fahren.

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Meine letzten Wochen mit den Kids

Nun war es soweit… nach dem Urlaub konnte ich die mir verbleibenden Wochen in Indien an der Hand abzählen. Und jeder Tag mit den Kids erschien mir kostbarer als der davor. Trotzdem wollte ich daraus jetzt nichts großartig besonderes machen und mich selbst unter Druck setzen, noch möglichst viele schöne neue innovative Spiele, Bastelideen, Tänze, Aktionen usw. zu machen. Denn meine Arbeit sollte immer und zu jeder Zeit zeigen, dass ich mein Bestes leiste und ich möchte nun nicht auf die letzten Tage nochmal Sachen auspacken, die nicht typisch meine Arbeit sind. Die letzten Tage sind nicht mehr wert als all die Tage davor, nur weil sie zu den letzten gehören. Außerdem erschien es mir für die Kids auch einfacher, wenn alles normal läuft.

Die ein oder andere Besonderheit gab es aber trotzdem.

Zunächst wurden wir gebeten im Chiguru ein bisschen zu malern. Farbe wurde gekauft und alle Freiwilligen an einem schönen Sonntag ins Chiguru geschifft. Was sollen wir anmalen? Palmen natürlich. In Indien sieht man es öfter, dass der ein oder andere Baum einen netten Anstrich bekommen hat. Die Chefin vom Chiguru hat uns gebeten dieses Projekt anzugehen, damit können wir uns auch direkt verewigen, sodass sich immer alle an uns erinnern. Und den Kids solle es eine angenehmere Umgebung bereiten. Also ran an die Pinsel.

Dass so eine Palme rund und hoch ist, hat uns zwar die ein oder andere Schwierigkeit bereitet, aber wir hatten nochmal ein tolles gemeinsames Projekt zum Ende unseres Jahres! Ich finde es richtig super, dass jeder Baum so verschieden ist, weil doch auch jeder von uns ein ganz eigener Mensch ist. Und die Kinder haben sich so gefreut und das ist alles was zählt! Was will man mehr?

Sophia, unsere kleine Baumkünstlerin hat das Chiguru mit diesem Werk verschönert
Die Welt arbeitet zusammen ❤️

Die Kids haben sich all die Tage danach nicht nur immer und immer wieder für die Bäume bedankt, sondern haben auch in letzter Zeit wieder viel nach meinen Eltern gefragt. Nachdem Mama und Papa mich ja im April besucht hatten, haben die Kinder sie sofort ins Herz geschlossen! Mama und Papa waren zwar nur eine Nacht im Chiguru, aber trotzdem sind sie für manche Kinder als beeindruckende Personen im Gedächtnis geblieben. Vor allem zwei kleine Mädels haben mir seitdem immer erzählt, dass sie die Babys von meiner Mama sind.

So habe ich die Kinder nochmal über einen Videoanruf mit meinen Eltern sprechen lassen. Für die Kinder und auch die Tagesmütter war das ein Erlebnis, das sie sehr glücklich gemacht hat. Was will man mehr?

Außerdem konnte ich endlich ein Versprechen einlösen und mit den Jungs aus dem RVTC ins Kino gehen. Die Jungs hatte ich ja in meinen ersten sechs Monaten hier unterrichtet und nun zum Ende hin hatte es endlich geklappt!

Im Kino haben wir einen Film geschaut, der für meinen Geschmack ziemlich gruselig war. Es ging um eine Bande, die Familien im Süden Indiens versprochen hat, ihre verstorbenen Angehörigen nach Varansi, die heilige Stadt für Hindus, zu bringen, um dort ihre letzte Ruhe im Ganges zu finden. Stattdessen hat die Bande, die Leichen aber nur hinter der Bundesstaatsgrenze am Straßenrand verbrannt oder aus dem Zug geworfen. Vorher nahmen sie noch die Fingerabdrücke der Leichen, um damit andere Verbrechen zu vertuschen. Anscheinend beruht die Geschichte auf wahren Begebenheiten. Aber in diesem Film hat der Hero natürlich alles aufgedeckt und alle gerettet. Ich bleibe dann aber doch lieber bei den kitschigen Telugu-Romanzen. Der verantwortliche der Jungs hatte den Film ausgesucht und ihnen hat es gefallen. Was will man mehr?

An meinem letzten Tag im Chiguru wurde mir die Ehre zuteil beim Morgen-Assembly einen Part zu übernehmen.

Das Assembly ist ein fester Bestandteil im indischen Alltag und lässt alle Mitarbeiter an einem Arbeitsplatz oder alle Schüler in der Schule versammeln.

Im Chiguru werden der Reihe nach bestimmte Punkte aufgesagt. Es beginnt mit einem Gebet, gefolgt vom Nationalsong (eine Ode an Indien als Mutterland) namens Vande Mataram, dann das pledge. Nach dem pledge gibt es bestimmte Vermeldungen, also organisatorische Änderungen oder Neuerungen oder es wird aus der Zeitung vorgelesen. Zum Schluss wird die Nationalhymne Indiens „Jana Gana Mana“ gesungen.

The Pledge

India is my country. All Indians are my brothers and sisters.

I love my country and I am proud of its rich and varied heritage.

I shall always strive to be worthy of it.

I shall give my parents, teachers and all elders respect and treat everyone with courtesy.

To my country and my people, I pledge my devotion.

In their well being and prosperity alone, lies my happiness.

Normalerweise stehe ich in einer der Reihen der Kinder und mache einfach mit. An meinem letzten Tag durfte ich aber mit vor. In der Regel stehen vor den versammelten Kindern drei Kids: ein Kind spricht das Gebet vor und die anderen sagen es nach. Ein anderes Kind macht das selbe beim pledge und das dritte Kind fordert zwischen den Teilen des Assemblys immer die Kinder auf gerade zu stehen und sich wieder zu rühren. (Attention! – Stand at ease!) und es kündigt den nächsten Punkt des Assemblys an.

Diesen Part durfte ich nun machen und es war mir eine große Ehre! Und es hat mich noch mehr als Teil vom Chiguru und von Indien fühlen lassen. Bei dieser Versammlung, die ja nun wirklich die Nation Indien als Mittelpunkt hat, auch mit anleiten zu dürfen, war toll! Indien ist wirklich mein zweites Zuhause geworden.

 

Rundbrief zum Ende

Weltwärts und der BDKJ (die Organisationen, die mich nach Indien entsendet haben) sehen das Konzept von Rundbriefen vor. Darüber sollen möglichst viele Leute von meiner Arbeit und meinen Erfahrungen informiert werden.

Zum Ende meines Jahres habe ich nochmal einen solchen Brief geschrieben. Allerdings auf eine etwas andere Art und Weise. Ich habe schon nach einigen Wochen in Indien angefangen mir Situationen und Momente zu notieren, die mein Herz berührt haben. In diesem Rundbrief teile ich einige davon.

Rundbrief

Endlich Essen!

Ich weiß, dass das ein Thema ist, das schon längst überfällig ist! Bisher habe ich es immer ein bisschen vor mir hergeschoben, weil ich einfach nicht weiß, wo ich anfangen kann. Die Vielfalt, was das Essen in Indien angeht ist immens! In jedem Bundesstaat gibt es sozusagen anderes und verschiedenes Essen. Und auch wenn wir nur in meinem Bundesstaat Andhra Pradesh bleiben, ist die Auswahl immer noch riesig! Ich gebe trotzdem mein bestes, die Vielfalt ansatzweise herüberzubringen.

Grundsätzlich kann ich aber sagen für mein Essen hier: unser Verbrauch von Reis und Zwiebeln geht durch die Decke! Reis wird wenn’s gut läuft morgens, mittags, abends gegessen, aber auf jeden Fall zweimal am Tag. Und Zwiebeln sind in absolut jedem Gericht enthalten. Mal viele und mal richtig viele. 😉

In meinem ersten halben Jahr habe ich ja in Vijayawada gewohnt, in der flat direkt und bin zum Essen immer 2 min Fußweg zum Haupthaus von meiner Organisation Navajeevan Bala Bhavan gelaufen. Dort haben wir Freiwilligen dann mit den Fathers zusammen essen dürfen.

Seit ich im Chiguru wohne, esse ich natürlich immer mit den Kids zusammen. Je nachdem, essen wir dann entweder in der großen Essenshalle alle gemeinsam oder in den Häusern der Kinder, was für mich bedeutet mit den Mädchen zusammen vor ihrem großen Haus Balika.

Frühstück

Zum Frühstück gibt es verschiedene Sachen! Sehr beliebt sind Dosa und Idli. Dosa sind eine Art herzhafter Eierkuchen, allerdings viel dünner und mit sehr sehr fein geriebenen Reis und Linsen und Wasser zubereitet – sonst nichts. Man kann sie dann wahlweise füllen mit einem Spiegelei, Kräutern oder einfach nur Chilli. Idli schauen aus, wie kleine, runde Küchlein und bestehen ebenfalls aus fein geriebenen Linsen. Beides wird mit Coconut Chutney gegessen, in dem eigentlich meistens zumindest keine Kokosnüsse drin sind, sondern Chillis. Dieses Chutney ist sehr berühmt für Andhra Pradesh und schmeckt hier – meiner Meinung nach – auch am besten!

Idli
Dosa (gefüllt mit Kräutern)
Coconut-Chutney

Da dieses Frühstück zeitaufwändig wäre, wenn man es für Massen herstellt, gibt es diese Sachen eher nur in Familien und für die Fathers. Für die Kinder in den Projekten gibt es zum Frühstück dann Sachen, die einfach für viele zubereitet werden können.

Dazu gehört allem voran Upma. Upma gibt es ebenfalls in verschiedenen Arten und ist mehr wie ein Brei, den man auch mit Chutney isst. Der Brei wird aus feinem Reispulver oder bestimmten Getreidearten gemacht und ihm werden Chillis, Curtyblätter usw. untergemischt. Chutney gibt es zu sehr vielen Sachen dazu und beschreibt einfach nur eine sehr konzentrierte Paste, die man gut mit allem vermischen kann und von der man nicht viel braucht, wodurch sie sich gut für die Projekte eignet. Es gibt ebenfalls verschiedene Chutneys wie Tomate, Chili rot/grün oder Kokosnuss.

Öfter mal gibt es auch einfach nur den Klassiker Reis zum Frühstück. Dann aber oftmals schon mit ein paar Tomaten und Chilli (Tomato Rice) untergemischt oder Reis der mit Zitronen und Nüssen zubereitet wurde (Yellow Rice/Lemon Rice) Beides einfach serviert mit Chutney.

Hier hatten die Frauen, die ich in den ersten 6 Monaten unterrichtet hatte, mir als Aufmerksamkeit Lemon Rice mitgebracht – nicht dass ich bei der Arbeit verhungere 😉

Mittagessen/Abendbrot

Zum Mittag und zum Abendessen gibt es im Endeffekt gleiche Sachen – wie immer natürlich Reis!

Zum Reis isst man in der Regel Dal bzw. Bappu (Linsen) bzw. Sambar. Das Dal ist mit ein wenig Gemüse gemischt, schön dickflüssig und gut mit dem Reis mischbar. Sambar ist im Endeffekt eine Art Suppe. Gemüsebrühe mit verschiedenen Gemüse wie Möhren, Tomaten und Kürbis und ebenfalls Linsen.

Dann gibt es natürlich noch ein Curry. Riesige Vielfalt! Curry aus Gemüse ist am gängigsten. So habe ich schon Lady Fingers kennengelernt oder Drum Sticks. Aber auch rote Beete oder Hühnchen gibt es von Zeit zu Zeit. (Hühnchen ist dann aber was ganz besonderes und gibt es eigentlich nur zu besonderen Anlässen!)

Das sind sogenannte Drum Sticks, sie haben einen ganz eigenen Geschmack. Man macht sie auf und zieht mit den Zähnen das schleimige Innere heraus

Und manchmal gibt es auch noch ein Extra. Also zum Beispiel frittierte Dinge, die Chips am ähnlichsten kommen. Da spricht man von Gold Fingers (schauen aus wie Penne nur eben als Chips) oder Pappadam (eine Art großer runder Chip) oder einfach kleine Chips, wie man sie auch aus der Knapperpackung von daheim kennt.

Eine weitere Eigenart, die zum Essen hier einfach dazugehört ist Curd. Curd ist sozusagen Joghurt und wird vor allem einfach nach der Hauptmahlzeit, also wenn man seine erste Portion Reis mit Curry gegessen hat, noch zusätzlich gegessen. Es werden Reis, Curd und Salz vermischt und es wird gesagt, dass das super für die Verdauung ist und die Schärfe im Mund lässt auch nach. Die Kinder lieben es und Justus freut sich auch immer tierisch, wenn es Curd-Rice gibt!

Curd mit extra Gemüse wie Zwiebeln, Tomaten und Kräutern ist sozusagen ein spezielles Curd und wird Raita genannt. Man isst es übrigens zu Biryani. Biryani ist ein ganz spezieller Gewürzreis, den jeder liebt! Auch davon gibt es natürlich so viele verschiedene Ausführungen! Aber Hauptsache er wurde mit bestimmten Gewürzen wie Nelken und Masala (Gewürzmischung) gekocht.

Hier sieht man einen unserer Kleinen beim Essen holen. Auf seinem Teller befindet sich bereits der Biryani-Reis. Außerdem noch ein dreieckiges Extra: Blätterteig gefüllt mit Mais, Zwiebeln und Chilli. Und ich bin gerade dabei ihm auch noch weißen Reis auf den Teller zu schaufeln.

Die Bedeutung vom Essen

Ich möchte unbedingt festhalten, wie wichtig das Essen hier ist! Wie ich schon mal erwähnt hatte, wird man immer gefragt, ob man schon gegessen hat. Außerdem sprechen die Inder auch gerne übers Essen. Was sie letztens gegessen haben, was es zur nächsten Mahlzeit gibt, was ihr Lieblingsessen ist und wo es am besten schmeckt.

Essen verbindet und Essen einigt.

Ich habe mich schon mit vielen Leuten hier übers Essen unterhalten und im Vergleich zum Essen in anderen Bundesstaaten finden sie das hier in Andhra Pradesh am besten. So sagten mir schon viele, dass „Andhra Food“ überall in Indien sehr bekannt ist. In meinem Urlaub traf ich auch eine Frau, die ursprünglich aus Andhra Pradesh kam und nun weiter im Norden wohnt und ihr fehlt das Essen sehr!

Überall in Indien ist auch sehr bekannt, dass es in Andhra Pradesh mit am schärfsten ist. Im Urlaub waren die ersten Reaktionen, wenn ich erzählte, dass ich in Andhra Pradesh wohne, immer nur: oh, das Essen da ist sooooo scharf und das Wetter soooooo heiß!

Hier habe ich mir mal einen kleinen Spaß mit dem Spinat und dem Kraut-Curry erlaubt und beim Essen an Indien gedacht 😉

Ich und das Essen

Wie meine Mitmenschen in Andhra Pradesh liebe ich das Essen hier auch! Zum Zwischenseminar oder im Urlaub wenn es Essen aus anderen Bundesstaaten gab, war ich immer leicht enttäuscht und habe mich schon auf das Andhra Food daheim gefreut.

Dabei macht mir die Schärfe auch nichts aus, daran hatte ich mich innerhalb des ersten Monats schnell gewöhnt. Meine Mutter meinte zwar als sie zu Besuch war, schockiert, dass ich keine Geschmacksnerven mehr besitze, aber ich genieße das Essen sehr! Ohne die Schärfe schmeckt es schon sehr fad.

Noch ein weiterer Punkt, den ich sehr genieße beim Essen: kein Besteck! Anfangs war es zwar mehr wie ein wahr gewordener Kindertraum, aber mittlerweile sehe ich auch wie praktisch es ist! Man kann überall ohne großen Aufwand essen, man braucht lediglich einen Teller, den man davor und danach kurz abspült. So funktionieren die Mahlzeiten im Chiguru (und auch überall sonst) ganz einfach ohne großen Mehraufwand.

Die liebe Lilli zeigt hier gerade die Technik mit den Händen zu essen, die uns die Kinder immer beibringen wollten

Es gibt wirklich noch so so so viel mehr Essen, von dem ich erzählen könnte! Vor allem wenn es zu den süßen Sachen kommt oder den Snacks… denn wenn die Inder süß essen, dann ist das auch wirklich süß!! So unfassbar süß, dass ich immer glauben musste, nach dem Jahr wahrscheinlich Diabetes zu haben. Aber Anpassung ist alles und so habe auch ich schon meine Lieblingssüßigkeiten entdeckt. Und auch die Snack-Time ist natürlich wichtig! Kleine Packung Chips oder Kekse werden in Massen konsumiert. Von all den Früchten ganz zu schweigen…

Eine Auswahl an super-süßen Dingen
Obst und Gemüse zu kaufen!

Wir lieben auch Street Food! Also Essen, das man an der Straße kaufen kann. Das ist meistens frittiert oder es gibt auch die Klassiker wie Dosa oder Nudeln!

Ein Klassiker für Andhra Pradesh: Punugulus
Mein Lieblingsfrühstück: Baji mit Coconut-Chutney

Aber was auch noch bei jedem erwachsenen Inder wohlgemerkt einen großen Stellenwert hat, ist der Chai! Chai ist ein süßer Tee, der aus schwarzem Tee, Milch und Zucker zubereitet wird und einfach himmlisch schmeckt! Vor allem wenn man ihn in Andhra Pradesh trinkt, denn hier wird er auch oft noch mit Ingwer, Nelken und Kardamon zubereitet. Ein wahrer Traum und die Teezeit am Tag hebt immer meine Laune und bringt alle zusammen 🙂

Und auch mein Magen und ich haben uns gut an die festen Essenszeiten gewöhnt: Frühstück um 8:00, Snack/Tea um 11:00, Mittagessen um 13:00, Snack/Tea um 16:00 und Abendessen um 20:00. Also die nächste Mahlzeit ist nie fern!

Das Essen ist einfach gut!

Letzter Erkundungsurlaub in Indien II

Weiter ging meine letzte Entdeckungstour durch Indien mit einem heiligen Ort.

3. Stopp: Varanasi

In Varanasi ist der heilige Fluss der Hindus: der Ganges. Für die Hindus ist es eine Art ultimative Erlösung, wenn sie tot sind, am Ganges verbrannt zu werden und ihre Asche im Ganges zu verstreuen. Viele Hindus pilgern deswegen kurz vor ihrem Tod nach Varanasi, um dann im Ganges ihre letzte Ruhe zu finden. Aber auch so kommen viele Hindus nach Varanasi, um sich im Ganges rein zu waschen und vom heiligen Wasser zu trinken. Ein Inder erzählte uns, dass er jeden Tag mind. 1 Glas Ganges-Wasser trinkt. Am Anfang ging es ihm deswegen schlecht, aber mittlerweile hat sich sein Bauch dran gewöhnt und er kann das heilige Wasser täglich trinken. Uns würde er es allerdings nicht empfehlen.

Am Ganges entlang sind ganz viele Zugänge zum Fluss. Da durch Regen- und Trockenzeit der Wasserpegel stark schwankt, geschieht dies mittels Stufen. Ein solcher Zugang wird als Ghat bezeichnet. Einige Ghats sind besonders, wie beispielsweise zwei Ghats, die jeweils ein Krematorium haben. Aber es gibt auch bestimmte Ghats für die vielen Fest und Zeremonien, die am Ganges stattfinden.

Ein Ghat vom Fluss aus. Bemalt mit der Swastika – dem Zeichen für Glück

Wir haben es uns natürlich nicht nehmen lassen und haben eine romantische Bootsfahrt auf einem Fischerboot zum Sonnenuntergang an den Ghats entlang gemacht – mit einem unfassbar witzigen Ruderer.

Außerdem haben wir viele besondere Tempel in Varansi besucht. Einer war in der größten Universität Asiens, der Banaras Hindu Universität.

Ein weiterer hatte eine riesige Relief-Karte Indiens im Inneren. Die Karte zeigt Indien vor der Unabhängigkeit und Teilung 1947, als es noch ein sehr viel größeres Gebiet umfasste. Dieser Tempel wurde von Mahatma Ghandi persönlich eingeweiht.

Wir hatten zudem die Möglichkeit im Viertel der Seidenproduktion spannende Einblicke in die Herstellung von Seide zu gewinnen.

4. Stopp: Khajuraho

Khajuraho ist berühmt für seine sehr alten Tempel. Deswegen ist die Stadt auch UNESCO Weltkulturerbe. Indien ist mit 37 Weltkulturerben weltweit an Platz 6 der Länder mit den meisten Weltkulturerben. Vor allem im Urlaub mit meinen Eltern habe ich auch schon ein Vielzahl besuchen dürfen.

Außerdem ist ca. 15km außerhalb von Khajuraho ein Nationalpark und wir gingen auf Safari! Meine dritte in Indien und doch wieder so anders.

Wir sahen zwar keine Tiger so wie in Ranthambore, aber dafür haben wir auf einer Bootstour über den Fluss des Parks Krokodile beobachten können.

Und viele andere Tiere durften wir in ihrem natürlich Lebensraum beobachten.

Die Safari war noch ein bisschen außergewöhnlich, da es unfassbar geregnet hat. Es goss aus Eimern. Aber im Gegensatz zu Deutschland bleiben die Inder deswegen nicht im Haus. Wir genossen den Regen und spazierten fröhlich draußen herum, denn man hat lange darauf gewartet. Regen nach so langer Hitze und Dürre ist eine große Erlösung für die Menschen.

Was mir von der Reise im Gedächtnis bleibt

Sicherlich all die wunderschönen Orte und die Vielfalt des Landes. Aber was ich vor allem mitnehme, ist die Freundlichkeit der Menschen. Ich glaube, ich erzähle es immer und immer wieder. Aber ich kann nicht müde werden davon zu erzählen. Denn immer und immer wieder wird mir mit so viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft begegnet, dass ich nur immer wieder aufs neue dankbar sein kann und mich fragen muss: womit habe ich das verdient?

Ich denke an den Hotelbesitzer in Varanasi, der uns eine komplette Stadtrundfahrt + Bootsfahrt zu einem wundervollen Preis organisierte. Inklusive einer eigenen Rikscha, mit einem Fahrer, der uns überall hinbrachte und auf uns wartet bis wir mit der Besichtigung fertig waren.

Ich denke dabei an die Gruppe Männer im Zug. Ich war allein an meinem Platz, da die Plätze von uns dreien verstreut durch den Zug lagen. Mein Abteil war leer bis auf 4 Männer, die direkt neben mir saßen. Ja, zunächst war ich skeptisch, alleine als Frau mit fremden Männern… und wie so oft wurde ich eines besseren belehrt. Die Männer passten die ganze Fahrt bestmöglich auf mich auf. Sie übersetzten für mich, was die Essensverkäufer sagten, sie meckerten andere Fahrgäste an, die unfreundlich zu mir waren, sie halfen mir mit meinem Gepäck und sagten mir rechtzeitig bei meinem Ausstieg um 5:30 in der Früh Bescheid.

Ich denke an die drei Jungs in Khajuraho, die uns überall herumführten, mit uns Essen gingen und uns sogar am Abend auf eine Hochzeit mitnahmen. Wir konnten es gar nicht glauben und waren sehr skeptisch, ob sie nicht doch am Ende Geld wollen. Wieder wurden wir eines besseren belehrt.

Am Abend auf der Hochzeit

Ich denke an das ganze Personal der indischen Bahn am Bahnhof von Khajuraho nachdem wir große Probleme mit unserem Zug hatten. Sie kümmerten sich stundenlang darum einen neuen Zug für uns zu finden und tricksten sogar für uns, dass wir einen Sitzplatz zahlen, aber ein Bett bekommen. Der ganze Bahnhof kannte uns danach 😉

Ich denke an die selbstlose Frau mit ihrer herzigen Tochter, die im Zug für uns Essen bestellte und den ganzen Abend schaute, dass wir auch ja nicht hungrig ins Bett gehen.

Wie wir reisen

Mit dem Zug natürlich! Das komfortabelste, was wir tun können.

Wie schon mit Debora fuhren wir immer in der Sleeper-Class. Ein Waggon mit vielen Nischen, in denen sich jeweils auf der einen Seite sechs Betten und auf der anderen Seite zwei Betten befinden.

Leider waren unsere Züge oft so voll und damit überbucht. Unsere erste Zugfahrt über 22h mussten wir zu dritt bzw. zu viert in einem Bett verbringen. Aber die Inder teilen. Auch wenn ihnen eigentlich das ganze Bett zusteht, ziehen sie ihre Beine an und schwups kann ich mich am Fußende einrollen und schlafen.

Die Reise hält auf jeden Fall immer eine Überraschung bereit!

Ich bin so froh mit diesem Urlaub nochmal ein ganzes Stück und vor allem so viele andere Orte von Indien kennenzulernen. Mit Lilli und Teresa hatte ich eine gute Zeit und freue mich wieder heim nach Vijayawada zu kommen. Es ist immer das Schönste am vertrauten Bahnhof in Vijayawada auszusteigen und die letzten Meter der Reise durch so bekannte Straßen nach Hause zu laufen.

Meine letzten vier Wochen beginnen und ich werde meine Zeit im Chiguru allein mit den Kindern möglichst intensiv nutzen. Und mich vor allem darauf einstellen, dass alles bald ganz anders sein wird…

Letzter Erkundungsurlaub in Indien I

Da ich mir das Jahr über 30 Tage Urlaub auf drei Zeitspannen verteilt nehmen muss, wurde es nochmal Zeit das mit einem dritten und letzten Urlaub abzuschließen. Ich finde es vor allem wichtig Urlaub zu nehmen, um das Land kennenzulernen. Indien ist so unfassbar vielfältig, jede Ecke des Landes hält was anderes – was neues – bereit. Und um sagen zu können, dass ich ein Jahr in Indien gelebt habe, sollte ich das Land auch ein wenig kennen und nicht nur meine Ecke in Andhra Pradesh.

Eigentlich wollte ich nochmal mit Debora in den Urlaub fahren, denn wir waren beim ersten Urlaub wirklich das perfekte Team! Allerdings überschnitten sich unsere möglichen Tage für den Urlaub nicht und so bin ich mit Lilli und ihrer Freundin Teresa, die aus Deutschland zu Besuch ist, aufgebrochen.

Die letzten Wochen waren nicht einfach für mich. Ich musste mich von zwei Freiwilligen und vor allem guten Freunden verabschieden, die den Weg zurück nach Hause verfrüht antreten mussten. Flo und Trijntje sind mittlerweile zurück in Österreich und den Niederlanden. Da Justus kurzfristig nochmal das Projekt gewechselt hat, werde ich nach meinem Urlaub außerdem allein im Chiguru sein. Zudem steht es an, einige Entscheidungen und Vorkehrungen zu treffen für meine Zeit nach Indien. Ich denke gerade sehr viel über das Zurückkommen nach Deutschland nach.

Der Urlaub war für mich also auch eine Art „Wegrennen“, was ich gerade gebraucht habe und was mir Zeit und Luft zum Nachdenken und Sortieren gibt.

Dieses Mal führte unsere Route mich durch den Nordosten Indiens. Damit hatte ich dann bereits den Süden, den Nordwesten und den Nordosten Indiens abgedeckt. Aber natürlich habe ich noch lange nicht alles gesehen…

1. Stopp: Kalkutta

Ich wollte unbedingt nach Kalkutta! Als meine Mama vor fast zwei Jahren hörte, dass ich nach Indien gehe, war sie so glücklich zu hören, dass ich im Land von Mutter Teresas Wirken leben werde. Meine Mama beeindruckte ihre Arbeit schon in meinem Alter und da sie nie die Möglichkeit hatte nach Kalkutta zu Mutter Teresa fahren, war es mir eine Ehre, das jetzt für sie zu übernehmen.

Wir besuchten das Kloster, in dem sie dann als Schwester ihren Orden richtig aufgebaut hatte und wo sie nun auch begraben liegt. Ich kann es nicht beschreiben, aber von ihrem Handeln an diesem Ort zu lesen und die Wärme der Schwestern ihres Ordens selbst heute noch zu spüren, war unfassbar bewegend. Dort zu sein, war sehr beruhigend und hat einen großen Drang ausgelöst, zu versuchen ihre guten Taten weiterzuleben.

Mutter Teresas Grabstätte

Anschließend sind wir noch mit den Schwestern in den Pfingstgottesdienst gegangen und konnten in dieser großen Stadt ein wenig herunterkommen und die Gemeinschaft und den Glauben von Pfingsten erleben.

Zudem haben wir in Kalkutta noch das Victoria Memorial besucht und haben die berühmte Howrah Bridge bei Nacht. überquert.

Außerdem faszinierten mich die gelben Taxis, die aussahen als wären sie einem anderen Jahrzehnt entsprungen und in Kalkutta die Rikscha ersetzen. (Trotzdem habe ich mich auch schon auf meine grün-gelben Rikschas in Vijayawada gefreut)

2. Stopp: Darjeeling

Weiter ging es zum Ort, wo der Tee herkommt. Der Zug hat uns allerdings nur bis auf eine bestimmte Höhe gebracht und ab dort mussten wir in einen wackligen Bus steigen und hatten die Fahrt unseres Lebens. Fünf Stunden lang ging es aufwärts, bei jeder Kurve erneut die kurze Schrecksekunde, ob nicht doch ein Auto entgegenbraust und frontal in uns reinkracht. Sicherlich bin ich das vom indischen Verkehr gewohnt, aber aufgrund von Platzmangel saß ich auf der erhitzten Motorabeckung direkt neben dem Busfahrer und wäre wahrscheinlich als erstes durch die Scheibe geflogen.

Der Held unserer Busfahrt: der Fahrer

Oben angekommen hatten Lilli und ich ein großes Problem. Wir haben gefroren. So sehr gefroren, dass es kaum auszuhalten war. Ich habe mit zwei Pullovern unter zwei riesigen Wolldecken geschlafen und mir war trotzdem noch kalt. Es waren ja auch nur 20 Grad! Was weniger als die Hälfte von dem ist, was ich gewohnt bin. Teresa hat uns ausgelacht.

Tagsüber waren wir nur wandern. Dort wo unsere Beine uns hintrieben. Wir waren an einer beeindruckenden buddhistischen Tempelanlage (Gebetshügel), spazierten die Berge hoch und runter, besuchten eine tibetische Flüchtlingsschule, liefen durch Teeplantagen und tranken natürlich auch viel Tee.

In einem Höhlen-Tempel

Über den Wolken…
In den Teeplantagen
Was für ein Ort für eine Teepause..!

Rundum ein entspannter Ort mit einem Programm, das ich so seit einem Jahr nicht mehr erleben konnte. Wer geht denn auch bei 50 Grad wandern? Darjeeling war Entspannung pur – nicht für den Körper (bei den Höhenmetern und Temperaturen), aber definitiv für die Seele!

Aber zwei weitere spannende Orte standen ja noch bevor…

Summer Camp im Chiguru

Im Mai ist Sommer.

Das wurde mir eigentlich schon das ganze über Jahr erzählt. Das und dass es dann heiß ist. Also wirklich heiß. Ich soll dann am besten nicht rausgehen. Ein bisschen skeptisch war ich schon, vor allem wegen der Aussage, dass genau im Mai – und nur im Mai – Sommer ist und es genau in diesem Monat am heißesten ist.

Aber wie so oft, hatten die Inder wieder recht. Ich kam am 2. Mai aus dem Urlaub mit meiner Familie wieder und es war unfassbar heiß. Schon davor wurden die Schulzeiten immer kürzer und die Mittagspause länger, aber ab Mai musste die Schule ganz aus sein und es gab Sommerferien.

Die Kinder im Chiguru sind „nach Hause“ gefahren. Das meint bei den meisten Kindern zu Onkel, Tante, Geschwister, Großeltern oder doch sogar noch zu Eltern, die sie irgendwo haben. Dort aber länger als nur in den Ferien zu bleiben, wäre für die Kinder eine Gefährdung, deswegen sind sie ja im Chiguru. Meistens müssen sie zu Hause für ihre Familie arbeiten, erleben Gewalt in der Familie oder andere Dinge, die schlussendlich dazu führen, dass es für die Kinder im Chiguru wohl besser ist. Das wird alles genau von CWC (Child Welfare Committee) geprüft und dann wird entschieden, ob man den Kindern diesen einen Monat zu Hause zumuten kann.

Die anderen Kinder, komplett ohne Familie oder mit einer zu zerrütteten und gefährdenden Familiensituation, bleiben im Chiguru bei uns für das Summer Camp! Zum Summer Camp im Chiguru kommen alle Kinder aus den anderen großen Projekten von Navajeevan, die nicht nach Hause gehen. Also hatten wir auch Kinder aus dem Deepa Nivas und den Moggas hier und wie soll es anders sein: die Freiwilligen kommen natürlich mit! So waren wir für das Summer Camp insgesamt sechs Freiwillige im Chiguru.

Dort ist dann jeden Tag Programm für die Kids angesetzt. Es gibt Computerstunden, Kreativ-Wettbewerbe und „Life Skill Education“ (eine Art Lebenstraining, wo sie lernen, wie man sich anständig benimmt und wie sie ordentlich und strukturiert lernen) Oftmals kommen auch Leute von außerhalb und machen extra Programm mit den Kindern. Zum Beispiel kam Father Alex mehrmals oder Studenten vom College, die dann einen Tanz mit ihnen einübten. Einmal sind wir auch alle zusammen auf eine Insel gefahren und haben dort den Tag verbracht.

Häufiger als gewöhnlich durften wir auch alle zusammen Tollywood -Filme anschauen (Bollywood auf Telugu)

Die Aufgabe von uns Freiwilligen lag darin, die Kleinsten zu bespaßen, denn die haben es nicht ausgehalten stundenlang zuzuhören, wie sie sich in der Schule verhalten sollen, zumal sie meist noch nicht mal in die Schule gehen. Auch sonst waren sie für die meisten Programmpunkte einfach noch zu klein.

Also sollten wir mit ihnen basteln. Ich will nicht lügen, jeden Tag über Wochen hinweg vier Stunden bei der Hitze zu basteln, hat irgendwann weder den Kindern noch uns Spaß gemacht. Wir haben versucht immer wieder mit neuen Ideen zu kommen und haben einiges ausprobiert. Manchmal mit sehr viel, manchmal mit weniger Erfolg.

Mir war es vor allem wichtig, dass bei den Kids auch ein bisschen Feriengefühl aufkommen kann und von der sonst so harschen Disziplin ein wenig abgesehen werden kann. Denn wenn ich an meine Ferien zurückdenke, hatte ich viel Freiraum für meine Sachen und ich habe versucht, das den Kindern hier auch zu ermöglichen.

Jeden Tag war trotzdem für alle der wichtigste Programmpunkt der Mittagsschlaf. Denn es war heiß. Es war einfach heiß. 50 Grad waren es bei uns. Vijayawada liegt in einer der heißesten Regionen Indiens. Oftmals waren nicht richtig 50 Grad, aber der Hitzeindex lag oft bei über 50 Grad. Das Problem ist zum einen die sehr hohe Luftfeuchtigkeit in unserer Region, die einem immer das Gefühl gibt, in einem Dampfbad zu leben. Zum anderen konnte es auch nie richtig abkühlen. Der Boden war ständig aufgeheizt, denn auch nachts wurden es gerade mal nur 40 Grad.

Mir wurde auch erzählt, dass es dieses Jahr besonders heiß ist im Vergleich zu all den letzten Jahren. Na, da hatte ich ja richtig Glück!

Die Hitze macht sehr müde, aber vor allem auch krank. Viele von uns hatten Hitzeausschlag und Hitzepusteln. Aber im Endeffekt nichts, was man nicht doch überwinden kann. Man muss einfach auf die Inder hören: nicht rausgehen und nicht viel bewegen. Dann schwitzt man wenigstens nur im Sitzen.

Allerdings ein wirklich guter Punkt: mit der Hitze kam auch die Mango-Saison und damit ein köstlicher Snack für zwischendurch!

Pünktlich zum 30. Mai hat es dann aber auch aus Eimern gegossen. Die Temperatur ist allerdings danach wieder hoch gegangen und jetzt warten wir nur gespannt auf den Monsun und hoffen vor allem, dass die Hitze uns nicht mehr lange während der Schulzeit begleiten wird.

Trotzdem war es total spannend mal mit so wenigen Kindern zusammenzuleben, auch die Kids aus den anderen Projekten kennenzulernen und mal mit den Freiwilligen zusammenzuarbeiten, die ich normalerweise nur am Wochenende sehe. Und die Hitze hat mich nur um eine Erkenntnis reicher gemacht: auch 50 Grad kann man überleben!

Ich bin weiß, du nicht – na und?!

Klingt unverblümt – ist es auch. Allerdings ist das ein Thema, das in meinem Dienst offensichtlich präsent ist, mir ständig begegnet und mich deswegen dafür schon sehr sensibilisiert hat. Ich möchte meine Erfahrungen und Gedanken zu einem Thema teilen, das vielleicht etwas kontroverser ist, als nur meine Schilderungen von einer Reise oder dem Verkehr.

„Ich bin weiß“ ist sozusagen die kurze Form zu sagen, dass meine Hautfarbe aufgrund meiner Eltern und derer Eltern und der europäischen Ethnologie, nun weiß ist. Und weiß auch nur im Sinne von „weiß am nächsten“ im Vergleich aller Hautfarben der Welt.

Aber ich bin nicht hergekommen, um zu sagen „ich bin weiß“. Für mich hat das natürlich nie eine Rolle gespielt im Bezug auf meinen Umgang mit meinen Mitmenschen, nicht nur weil das ein Prinzip von Entwicklungsdienst ist, sondern auch einfach weil das eine menschliche Einstellung ist und auf Moral hinweist. Diese Auffasung sollte für jeden das normalste der Welt sein.

Stattdessen wurde mir ständig gesagt oder zu verstehen gegeben: „du bist weiß, ich bin nur schwarz“. Anfangs hat mich das geschockt, betrübt und total verunsichert. Was sage ich jetzt? Sind die Kinder deswegen eingeschüchtert oder erwarten sie jetzt etwas von mir? Wieso werten sie ihre Hautfarbe so ab? Was fange ich mit der Aussage an? Ich habe dieses Thema einfach immer etwas klein gemacht. Manchmal habe ich gesagt: „you are Black but both human“ (du bist schwarz aber wir sind beide Menschen) oder ich habe einfach nur gesagt, dass das keine Rolle spielt für uns.

Oft sind auch Kinder (aber auch genauso Erwachsene!) zu mir gekommen und haben mich gebeten, ihnen was von meiner weißen Hautfarbe abzugeben. Verunsichert wie ich war, habe ich entweder nur gelacht oder mit einem magischen Trick unsere Arme aneinander gehalten, „wuuuuuuusch“ gesagt und ihnen damit weiße Farbe abgegeben. Mittlerweile sage ich ihnen oft einfach nur, dass ich sie doch auch schön finde – mit ihrer Haut, ihren Haaren und ihrem Gesicht. Anfänglich betrübte es mich auch, dass viele Menschen hier versuchen „weißer“ zu erscheinen, indem sie sich Puder ins Gesicht schmieren, Gesichtscremes mit Bleiche nutzen, weißende Handyfilter verwenden oder sich sogar medizinischen Eingriffen unterziehen. Im Endeffekt das Pendant zu Sonnenstudios bei uns.

Viele sind auch absolut fasziniert von meinen Haaren und vor allem von meinen Augen. Manchmal kommen einfach Leute zu mir und sagen „du hast blaue Augen, das ist wunderschön“. Dann bedanke ich mich anständig und sage ihnen etwas, das mir bei ihnen als besonders schön aufgefallen ist. Denn die Leute hier sind genauso wunderschön. Und trotzdem glaube ich, dass das den meisten nicht klar ist. Natürlich wie bei uns auch. Es werden einfach insgesamt zu wenig Komplimente vergeben. Kaum jemand spricht es aus, wenn er jemand anderen schön findet. Viel zu groß ist die innere Überwindung. Aber hier habe ich auch zunehmend das Gefühl, dass der Großteil gar nicht mal mehr eine Chance hat, Eindruck zu machen, weil es zu viele Menschen gibt. Das Individuum geht in dieser Masse verloren. Indien hat über 1,3 Milliarden Menschen und ist damit knapp hinter China das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt. Nach den beiden Ländern kommt erstmal eine Weile nichts bis zu den USA (~327 Mio. Einwohner). Die Bevölkerungsdichte in Indien ist rund doppelt so hoch wie in Deutschland. Der Einzelne geht gefühlt unter.

In dieser Masse sticht „der Weiße“ heraus. Ich werde regelmäßig auf der Straße angesprochen, wo ich herkomme und ob wir nicht ein Selfie zusammen machen können. Ich weiß, dass sie das fragen, weil ich weiß bin. Bei der Post werde ich direkt durchgewunken zum Chef, der sich persönlich um mich kümmert und mir erzählt, dass er auch schon mal in Frankfurt war. Ich weiß, dass er das macht, weil ich weiß bin. Beim Arzt, musste ich noch nie länger als 5 min warten, ich war immer sofort dran, obwohl mind. noch 20 andere Menschen im Wartezimmer saßen. Ich weiß, dass sie das machen, weil ich weiß bin. – Das ist positiver Rassismus. Für mich hat es oftmals positive Auswirkungen, aber am Ende werde ich nur aufgrund meines Aussehens auf eine bestimmte – bessere – Weise behandelt. Das ist keine Gerechtigkeit.

Und am Ende werde auch ich immer noch auf Klischees reduziert. Natürlich muss ich aus Amerika kommen, weil ich weiß bin. Natürlich zahle ich den dreifachen Rikscha-Preis, weil ich weiß bin. Natürlich werde ich von bestimmte Leuten gezielt nach Geld gefragt, weil ich weiß bin. Denn Weiße haben Geld. Es ist manchmal ernüchternd dagegen anzukämpfen, aber es ist keine Aufgabe, die mich müde werden lässt. Es ist eine neue Aufgabe und Herausforderung, über mich selbst mit meiner Hautfarbe nachzudenken; wie ich damit umgehe, wie ich andere Hautfarben sehe und was das mit mir und den Menschen in meiner Umgebung macht, wie meine Einstellung sich nicht ändern sollte und wie sich oftmals das Verhalten meines Gegenübers ändert.

Im Endeffekt bin ich hier, um Brücken zu bauen und das passiert, indem man zeigt, was man gemein hat und dass wir alle Menschen dieser Erde sind. Denn bis mich nicht wieder jemand drauf hinweist, vergesse ich immer und immer wieder, dass ich nicht die selbe Hautfarbe habe, wie alle um mich herum. Was spielt Hautfarbe für eine Rolle, wenn wir alle empathische Werte haben und diese leben? Wenn Menschen aus verschiedenen Nationen zusammenkommen, kommen neue Ideen und neue Bilder zusammen. Und dann wird ein Stückchen mehr Freude geteilt und mit jedem gemeinsamen Lachen, wird die Welt ein bisschen friedlicher.

Familienurlaub im Norden Indiens

Nachdem es für uns mit dem Flugzeug nach Delhi ging, begann ein Urlaub, den wir so bisher nie hatten. Da wir zum ersten Mal in unserer Familienurlaub-Geschichte die Reise durch eine Agentur haben buchen lassen, wurde uns jegliche Verantwortung abgenommen. Am Flughafen wurden wir direkt abgeholt und mit einem Kleinbus, der nur für uns vier bestimmt war, ins Hotel gefahren. Dieser Kleinbus hat uns die ganze Zeit überall hingefahren und stand ständig für uns bereit – inklusive Fahrer versteht sich.

Ich hatte den Luxusurlaub meines Lebens. Ich glaube zwar, dass ich alles verstärkt als Luxus wahrgenommen habe, weil ich die 9 Monate davor in recht einfach Verhältnissen lebte. Aber wir waren schon wirklich überall mit unglaublichen Hotels gesegnet.

Das war für mich eine Umstellung, die mir am Anfang sehr schwer fiel, da ich immer versuche wie die Kinder im Projekt zu leben. Trotzdem eine Umstellung, an die ich mich aber schnell gewöhnte. Was mich allerdings bis zum letzten Tag immer wieder fertig gemacht hat, war die Tatsache, dass ich selbst entscheiden konnte, was ich esse, welche Temperatur mein Wasser beim Duschen hat und vor allem welche Temperatur meine Umgebung hat. Am herausforderndsten war es, wenn es im Hotel sowohl Klimaanlage als auch Ventilator gab. Bis dahin habe ich überall nur mit Ventilator gewohnt und habe gehofft, dass ich dadurch ein wenig kühlenden Wind erhaschen kann. Maximal in öffentlichen Einrichtungen wie beim Geldautomaten oder im Supermarkt gab es eine Klimaanlage, die ein wenig Abkühlung verschaffte. Aber hier hatte ich plötzlich beides und vor allem selbst die Macht über die Klimaanlage – komplette Überforderung!

Es ist definitiv was anderes als Tourist durch Indien zu laufen und nicht Volunteer in einer NGO zu sein. Aber es war ein wunderschöner Urlaub und eine interessante Erfahrung Indien aus einem anderen Blickwinkel zu erleben.

Unsere Reiseroute wurde durch unsere Reiseagentur festgelegt und beinhaltet ein abwechslungsreiches Programm.

An jedem Ort wurden wir von einem lokalen Reiseführer herumgeführt. Hauptsächlich besuchten wir Burgen und Paläste aus der Zeit der Maharajah. Ich möchte meine Eindrücke vor allem mit Hilfe von Bildern teilen.

Delhi

Rikscha-Fahrt durch die Straßen Delhis
Quatab Minar

Denkmal für Mahatma Ghandi, Ort seiner Verbrennung

Agra

Eingangstor zum Taj Mahal

Wir waren am Abend zum Sonnenuntergang dort und so hatten wir das Glück ein paar wunderschöne Eindrücke mit der untergehenden Sonne zu genießen

Taj Mahal – ein Weltwunder. Ich muss sagen, dass ich es wirklich beeindruckend dort fand. Die Atmosphäre war entspannend für mich aufgrund des ganzen Marmors und dieser großen aber doch fast noch schlichten Wände. Für mich war die ganze Symmetrie an diesem Ort wunderschön und alles hat seinen Platz und seine Bedeutung. Das ist für mich beruhigend und ästhetisch. Denn am ganzen Taj Mahal gibt es lediglich zwei Dinge, die nicht symmetrisch sind. Trotzdem ist es für mich am Ende nur ein Gebäude. Klar, auf jeden Fall ein beeindruckendes Gebäude, aber im Endeffekt bin ich eher jemand, den Sachen, die mit Menschen zu tun haben, viel mehr berühren. Aber es ist ein Besuch wert!

Red Fort

Fatehpur Sikri

Ranthambore

Im Nationalpark Ranthambore waren für uns zwei Safaris vorgesehen. Einem am Morgen und eine weitere am Nachmittag. Der Nationalpark ist in mehrere Zonen eingeteilt und das Highlight ist es, wenn man einen Tiger zu Gesicht bekommt. Auf unserer ersten Safari saßen wir im Jeep mit einem Ehepaar, dessen sechste Safaris das bereits ist und die bis dato noch keinen Tiger gesehen hatten. Die Sterne standen anscheinend gut für uns, denn auf unserer Morgen-Safari sahen wir einen und auf unserer Nachmittag-Safari zwei Tiger. Alle waren super aufgeregt!

Bundi

Udaipur

Silawatwari

Girwa
Ausblick vom Hotel auf den Pichola-See

Jaipur

Palast der Winde

Devisinghpura

Ende der Reise

Damit jeder wieder zu seinem Wohnort kommt, sind wir zum Ende nochmal nach Delhi gefahren und meine Eltern und mein Bruder sind nach Frankfurt und ich zurück nach Vijayawada geflogen.

Der Urlaub war toll. Zum einen war ich froh endlich mal alle wichtigen Bauwerke im bekanntesten Bundesstaat Rajasthan kennenzulernen. Aber vor allem war es wundervoll meine Familie wiederzusehen und ihnen meine Welt hier ein bisschen näher zu bringen. Es war interessant zu bemerken, wie unterschiedlich ich auf manche Dinge reagiere bzw. in bestimmten Situationen agiere, als meine Familie. Dabei meine ich vor allem die Preise in Restaurants oder Essenständen und auch was ist jetzt eher als höflich und was als unhöflich angesehen wird.

Ich bin auf jeden Fall unfassbar froh und dankbar, dass es geklappt hat und sie mich hier besuchen konnten. Und nun ist es ja auch gar nicht so lange bis wir uns schon wieder sehen.