Letzter Erkundungsurlaub in Indien II

Weiter ging meine letzte Entdeckungstour durch Indien mit einem heiligen Ort.

3. Stopp: Varanasi

In Varanasi ist der heilige Fluss der Hindus: der Ganges. Für die Hindus ist es eine Art ultimative Erlösung, wenn sie tot sind, am Ganges verbrannt zu werden und ihre Asche im Ganges zu verstreuen. Viele Hindus pilgern deswegen kurz vor ihrem Tod nach Varanasi, um dann im Ganges ihre letzte Ruhe zu finden. Aber auch so kommen viele Hindus nach Varanasi, um sich im Ganges rein zu waschen und vom heiligen Wasser zu trinken. Ein Inder erzählte uns, dass er jeden Tag mind. 1 Glas Ganges-Wasser trinkt. Am Anfang ging es ihm deswegen schlecht, aber mittlerweile hat sich sein Bauch dran gewöhnt und er kann das heilige Wasser täglich trinken. Uns würde er es allerdings nicht empfehlen.

Am Ganges entlang sind ganz viele Zugänge zum Fluss. Da durch Regen- und Trockenzeit der Wasserpegel stark schwankt, geschieht dies mittels Stufen. Ein solcher Zugang wird als Ghat bezeichnet. Einige Ghats sind besonders, wie beispielsweise zwei Ghats, die jeweils ein Krematorium haben. Aber es gibt auch bestimmte Ghats für die vielen Fest und Zeremonien, die am Ganges stattfinden.

Ein Ghat vom Fluss aus. Bemalt mit der Swastika – dem Zeichen für Glück

Wir haben es uns natürlich nicht nehmen lassen und haben eine romantische Bootsfahrt auf einem Fischerboot zum Sonnenuntergang an den Ghats entlang gemacht – mit einem unfassbar witzigen Ruderer.

Außerdem haben wir viele besondere Tempel in Varansi besucht. Einer war in der größten Universität Asiens, der Banaras Hindu Universität.

Ein weiterer hatte eine riesige Relief-Karte Indiens im Inneren. Die Karte zeigt Indien vor der Unabhängigkeit und Teilung 1947, als es noch ein sehr viel größeres Gebiet umfasste. Dieser Tempel wurde von Mahatma Ghandi persönlich eingeweiht.

Wir hatten zudem die Möglichkeit im Viertel der Seidenproduktion spannende Einblicke in die Herstellung von Seide zu gewinnen.

4. Stopp: Khajuraho

Khajuraho ist berühmt für seine sehr alten Tempel. Deswegen ist die Stadt auch UNESCO Weltkulturerbe. Indien ist mit 37 Weltkulturerben weltweit an Platz 6 der Länder mit den meisten Weltkulturerben. Vor allem im Urlaub mit meinen Eltern habe ich auch schon ein Vielzahl besuchen dürfen.

Außerdem ist ca. 15km außerhalb von Khajuraho ein Nationalpark und wir gingen auf Safari! Meine dritte in Indien und doch wieder so anders.

Wir sahen zwar keine Tiger so wie in Ranthambore, aber dafür haben wir auf einer Bootstour über den Fluss des Parks Krokodile beobachten können.

Und viele andere Tiere durften wir in ihrem natürlich Lebensraum beobachten.

Die Safari war noch ein bisschen außergewöhnlich, da es unfassbar geregnet hat. Es goss aus Eimern. Aber im Gegensatz zu Deutschland bleiben die Inder deswegen nicht im Haus. Wir genossen den Regen und spazierten fröhlich draußen herum, denn man hat lange darauf gewartet. Regen nach so langer Hitze und Dürre ist eine große Erlösung für die Menschen.

Was mir von der Reise im Gedächtnis bleibt

Sicherlich all die wunderschönen Orte und die Vielfalt des Landes. Aber was ich vor allem mitnehme, ist die Freundlichkeit der Menschen. Ich glaube, ich erzähle es immer und immer wieder. Aber ich kann nicht müde werden davon zu erzählen. Denn immer und immer wieder wird mir mit so viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft begegnet, dass ich nur immer wieder aufs neue dankbar sein kann und mich fragen muss: womit habe ich das verdient?

Ich denke an den Hotelbesitzer in Varanasi, der uns eine komplette Stadtrundfahrt + Bootsfahrt zu einem wundervollen Preis organisierte. Inklusive einer eigenen Rikscha, mit einem Fahrer, der uns überall hinbrachte und auf uns wartet bis wir mit der Besichtigung fertig waren.

Ich denke dabei an die Gruppe Männer im Zug. Ich war allein an meinem Platz, da die Plätze von uns dreien verstreut durch den Zug lagen. Mein Abteil war leer bis auf 4 Männer, die direkt neben mir saßen. Ja, zunächst war ich skeptisch, alleine als Frau mit fremden Männern… und wie so oft wurde ich eines besseren belehrt. Die Männer passten die ganze Fahrt bestmöglich auf mich auf. Sie übersetzten für mich, was die Essensverkäufer sagten, sie meckerten andere Fahrgäste an, die unfreundlich zu mir waren, sie halfen mir mit meinem Gepäck und sagten mir rechtzeitig bei meinem Ausstieg um 5:30 in der Früh Bescheid.

Ich denke an die drei Jungs in Khajuraho, die uns überall herumführten, mit uns Essen gingen und uns sogar am Abend auf eine Hochzeit mitnahmen. Wir konnten es gar nicht glauben und waren sehr skeptisch, ob sie nicht doch am Ende Geld wollen. Wieder wurden wir eines besseren belehrt.

Am Abend auf der Hochzeit

Ich denke an das ganze Personal der indischen Bahn am Bahnhof von Khajuraho nachdem wir große Probleme mit unserem Zug hatten. Sie kümmerten sich stundenlang darum einen neuen Zug für uns zu finden und tricksten sogar für uns, dass wir einen Sitzplatz zahlen, aber ein Bett bekommen. Der ganze Bahnhof kannte uns danach 😉

Ich denke an die selbstlose Frau mit ihrer herzigen Tochter, die im Zug für uns Essen bestellte und den ganzen Abend schaute, dass wir auch ja nicht hungrig ins Bett gehen.

Wie wir reisen

Mit dem Zug natürlich! Das komfortabelste, was wir tun können.

Wie schon mit Debora fuhren wir immer in der Sleeper-Class. Ein Waggon mit vielen Nischen, in denen sich jeweils auf der einen Seite sechs Betten und auf der anderen Seite zwei Betten befinden.

Leider waren unsere Züge oft so voll und damit überbucht. Unsere erste Zugfahrt über 22h mussten wir zu dritt bzw. zu viert in einem Bett verbringen. Aber die Inder teilen. Auch wenn ihnen eigentlich das ganze Bett zusteht, ziehen sie ihre Beine an und schwups kann ich mich am Fußende einrollen und schlafen.

Die Reise hält auf jeden Fall immer eine Überraschung bereit!

Ich bin so froh mit diesem Urlaub nochmal ein ganzes Stück und vor allem so viele andere Orte von Indien kennenzulernen. Mit Lilli und Teresa hatte ich eine gute Zeit und freue mich wieder heim nach Vijayawada zu kommen. Es ist immer das Schönste am vertrauten Bahnhof in Vijayawada auszusteigen und die letzten Meter der Reise durch so bekannte Straßen nach Hause zu laufen.

Meine letzten vier Wochen beginnen und ich werde meine Zeit im Chiguru allein mit den Kindern möglichst intensiv nutzen. Und mich vor allem darauf einstellen, dass alles bald ganz anders sein wird…

Letzter Erkundungsurlaub in Indien I

Da ich mir das Jahr über 30 Tage Urlaub auf drei Zeitspannen verteilt nehmen muss, wurde es nochmal Zeit das mit einem dritten und letzten Urlaub abzuschließen. Ich finde es vor allem wichtig Urlaub zu nehmen, um das Land kennenzulernen. Indien ist so unfassbar vielfältig, jede Ecke des Landes hält was anderes – was neues – bereit. Und um sagen zu können, dass ich ein Jahr in Indien gelebt habe, sollte ich das Land auch ein wenig kennen und nicht nur meine Ecke in Andhra Pradesh.

Eigentlich wollte ich nochmal mit Debora in den Urlaub fahren, denn wir waren beim ersten Urlaub wirklich das perfekte Team! Allerdings überschnitten sich unsere möglichen Tage für den Urlaub nicht und so bin ich mit Lilli und ihrer Freundin Teresa, die aus Deutschland zu Besuch ist, aufgebrochen.

Die letzten Wochen waren nicht einfach für mich. Ich musste mich von zwei Freiwilligen und vor allem guten Freunden verabschieden, die den Weg zurück nach Hause verfrüht antreten mussten. Flo und Trijntje sind mittlerweile zurück in Österreich und den Niederlanden. Da Justus kurzfristig nochmal das Projekt gewechselt hat, werde ich nach meinem Urlaub außerdem allein im Chiguru sein. Zudem steht es an, einige Entscheidungen und Vorkehrungen zu treffen für meine Zeit nach Indien. Ich denke gerade sehr viel über das Zurückkommen nach Deutschland nach.

Der Urlaub war für mich also auch eine Art „Wegrennen“, was ich gerade gebraucht habe und was mir Zeit und Luft zum Nachdenken und Sortieren gibt.

Dieses Mal führte unsere Route mich durch den Nordosten Indiens. Damit hatte ich dann bereits den Süden, den Nordwesten und den Nordosten Indiens abgedeckt. Aber natürlich habe ich noch lange nicht alles gesehen…

1. Stopp: Kalkutta

Ich wollte unbedingt nach Kalkutta! Als meine Mama vor fast zwei Jahren hörte, dass ich nach Indien gehe, war sie so glücklich zu hören, dass ich im Land von Mutter Teresas Wirken leben werde. Meine Mama beeindruckte ihre Arbeit schon in meinem Alter und da sie nie die Möglichkeit hatte nach Kalkutta zu Mutter Teresa fahren, war es mir eine Ehre, das jetzt für sie zu übernehmen.

Wir besuchten das Kloster, in dem sie dann als Schwester ihren Orden richtig aufgebaut hatte und wo sie nun auch begraben liegt. Ich kann es nicht beschreiben, aber von ihrem Handeln an diesem Ort zu lesen und die Wärme der Schwestern ihres Ordens selbst heute noch zu spüren, war unfassbar bewegend. Dort zu sein, war sehr beruhigend und hat einen großen Drang ausgelöst, zu versuchen ihre guten Taten weiterzuleben.

Mutter Teresas Grabstätte

Anschließend sind wir noch mit den Schwestern in den Pfingstgottesdienst gegangen und konnten in dieser großen Stadt ein wenig herunterkommen und die Gemeinschaft und den Glauben von Pfingsten erleben.

Zudem haben wir in Kalkutta noch das Victoria Memorial besucht und haben die berühmte Howrah Bridge bei Nacht. überquert.

Außerdem faszinierten mich die gelben Taxis, die aussahen als wären sie einem anderen Jahrzehnt entsprungen und in Kalkutta die Rikscha ersetzen. (Trotzdem habe ich mich auch schon auf meine grün-gelben Rikschas in Vijayawada gefreut)

2. Stopp: Darjeeling

Weiter ging es zum Ort, wo der Tee herkommt. Der Zug hat uns allerdings nur bis auf eine bestimmte Höhe gebracht und ab dort mussten wir in einen wackligen Bus steigen und hatten die Fahrt unseres Lebens. Fünf Stunden lang ging es aufwärts, bei jeder Kurve erneut die kurze Schrecksekunde, ob nicht doch ein Auto entgegenbraust und frontal in uns reinkracht. Sicherlich bin ich das vom indischen Verkehr gewohnt, aber aufgrund von Platzmangel saß ich auf der erhitzten Motorabeckung direkt neben dem Busfahrer und wäre wahrscheinlich als erstes durch die Scheibe geflogen.

Der Held unserer Busfahrt: der Fahrer

Oben angekommen hatten Lilli und ich ein großes Problem. Wir haben gefroren. So sehr gefroren, dass es kaum auszuhalten war. Ich habe mit zwei Pullovern unter zwei riesigen Wolldecken geschlafen und mir war trotzdem noch kalt. Es waren ja auch nur 20 Grad! Was weniger als die Hälfte von dem ist, was ich gewohnt bin. Teresa hat uns ausgelacht.

Tagsüber waren wir nur wandern. Dort wo unsere Beine uns hintrieben. Wir waren an einer beeindruckenden buddhistischen Tempelanlage (Gebetshügel), spazierten die Berge hoch und runter, besuchten eine tibetische Flüchtlingsschule, liefen durch Teeplantagen und tranken natürlich auch viel Tee.

In einem Höhlen-Tempel

Über den Wolken…
In den Teeplantagen
Was für ein Ort für eine Teepause..!

Rundum ein entspannter Ort mit einem Programm, das ich so seit einem Jahr nicht mehr erleben konnte. Wer geht denn auch bei 50 Grad wandern? Darjeeling war Entspannung pur – nicht für den Körper (bei den Höhenmetern und Temperaturen), aber definitiv für die Seele!

Aber zwei weitere spannende Orte standen ja noch bevor…

Summer Camp im Chiguru

Im Mai ist Sommer.

Das wurde mir eigentlich schon das ganze über Jahr erzählt. Das und dass es dann heiß ist. Also wirklich heiß. Ich soll dann am besten nicht rausgehen. Ein bisschen skeptisch war ich schon, vor allem wegen der Aussage, dass genau im Mai – und nur im Mai – Sommer ist und es genau in diesem Monat am heißesten ist.

Aber wie so oft, hatten die Inder wieder recht. Ich kam am 2. Mai aus dem Urlaub mit meiner Familie wieder und es war unfassbar heiß. Schon davor wurden die Schulzeiten immer kürzer und die Mittagspause länger, aber ab Mai musste die Schule ganz aus sein und es gab Sommerferien.

Die Kinder im Chiguru sind „nach Hause“ gefahren. Das meint bei den meisten Kindern zu Onkel, Tante, Geschwister, Großeltern oder doch sogar noch zu Eltern, die sie irgendwo haben. Dort aber länger als nur in den Ferien zu bleiben, wäre für die Kinder eine Gefährdung, deswegen sind sie ja im Chiguru. Meistens müssen sie zu Hause für ihre Familie arbeiten, erleben Gewalt in der Familie oder andere Dinge, die schlussendlich dazu führen, dass es für die Kinder im Chiguru wohl besser ist. Das wird alles genau von CWC (Child Welfare Committee) geprüft und dann wird entschieden, ob man den Kindern diesen einen Monat zu Hause zumuten kann.

Die anderen Kinder, komplett ohne Familie oder mit einer zu zerrütteten und gefährdenden Familiensituation, bleiben im Chiguru bei uns für das Summer Camp! Zum Summer Camp im Chiguru kommen alle Kinder aus den anderen großen Projekten von Navajeevan, die nicht nach Hause gehen. Also hatten wir auch Kinder aus dem Deepa Nivas und den Moggas hier und wie soll es anders sein: die Freiwilligen kommen natürlich mit! So waren wir für das Summer Camp insgesamt sechs Freiwillige im Chiguru.

Dort ist dann jeden Tag Programm für die Kids angesetzt. Es gibt Computerstunden, Kreativ-Wettbewerbe und „Life Skill Education“ (eine Art Lebenstraining, wo sie lernen, wie man sich anständig benimmt und wie sie ordentlich und strukturiert lernen) Oftmals kommen auch Leute von außerhalb und machen extra Programm mit den Kindern. Zum Beispiel kam Father Alex mehrmals oder Studenten vom College, die dann einen Tanz mit ihnen einübten. Einmal sind wir auch alle zusammen auf eine Insel gefahren und haben dort den Tag verbracht.

Häufiger als gewöhnlich durften wir auch alle zusammen Tollywood -Filme anschauen (Bollywood auf Telugu)

Die Aufgabe von uns Freiwilligen lag darin, die Kleinsten zu bespaßen, denn die haben es nicht ausgehalten stundenlang zuzuhören, wie sie sich in der Schule verhalten sollen, zumal sie meist noch nicht mal in die Schule gehen. Auch sonst waren sie für die meisten Programmpunkte einfach noch zu klein.

Also sollten wir mit ihnen basteln. Ich will nicht lügen, jeden Tag über Wochen hinweg vier Stunden bei der Hitze zu basteln, hat irgendwann weder den Kindern noch uns Spaß gemacht. Wir haben versucht immer wieder mit neuen Ideen zu kommen und haben einiges ausprobiert. Manchmal mit sehr viel, manchmal mit weniger Erfolg.

Mir war es vor allem wichtig, dass bei den Kids auch ein bisschen Feriengefühl aufkommen kann und von der sonst so harschen Disziplin ein wenig abgesehen werden kann. Denn wenn ich an meine Ferien zurückdenke, hatte ich viel Freiraum für meine Sachen und ich habe versucht, das den Kindern hier auch zu ermöglichen.

Jeden Tag war trotzdem für alle der wichtigste Programmpunkt der Mittagsschlaf. Denn es war heiß. Es war einfach heiß. 50 Grad waren es bei uns. Vijayawada liegt in einer der heißesten Regionen Indiens. Oftmals waren nicht richtig 50 Grad, aber der Hitzeindex lag oft bei über 50 Grad. Das Problem ist zum einen die sehr hohe Luftfeuchtigkeit in unserer Region, die einem immer das Gefühl gibt, in einem Dampfbad zu leben. Zum anderen konnte es auch nie richtig abkühlen. Der Boden war ständig aufgeheizt, denn auch nachts wurden es gerade mal nur 40 Grad.

Mir wurde auch erzählt, dass es dieses Jahr besonders heiß ist im Vergleich zu all den letzten Jahren. Na, da hatte ich ja richtig Glück!

Die Hitze macht sehr müde, aber vor allem auch krank. Viele von uns hatten Hitzeausschlag und Hitzepusteln. Aber im Endeffekt nichts, was man nicht doch überwinden kann. Man muss einfach auf die Inder hören: nicht rausgehen und nicht viel bewegen. Dann schwitzt man wenigstens nur im Sitzen.

Allerdings ein wirklich guter Punkt: mit der Hitze kam auch die Mango-Saison und damit ein köstlicher Snack für zwischendurch!

Pünktlich zum 30. Mai hat es dann aber auch aus Eimern gegossen. Die Temperatur ist allerdings danach wieder hoch gegangen und jetzt warten wir nur gespannt auf den Monsun und hoffen vor allem, dass die Hitze uns nicht mehr lange während der Schulzeit begleiten wird.

Trotzdem war es total spannend mal mit so wenigen Kindern zusammenzuleben, auch die Kids aus den anderen Projekten kennenzulernen und mal mit den Freiwilligen zusammenzuarbeiten, die ich normalerweise nur am Wochenende sehe. Und die Hitze hat mich nur um eine Erkenntnis reicher gemacht: auch 50 Grad kann man überleben!

Ich bin weiß, du nicht – na und?!

Klingt unverblümt – ist es auch. Allerdings ist das ein Thema, das in meinem Dienst offensichtlich präsent ist, mir ständig begegnet und mich deswegen dafür schon sehr sensibilisiert hat. Ich möchte meine Erfahrungen und Gedanken zu einem Thema teilen, das vielleicht etwas kontroverser ist, als nur meine Schilderungen von einer Reise oder dem Verkehr.

„Ich bin weiß“ ist sozusagen die kurze Form zu sagen, dass meine Hautfarbe aufgrund meiner Eltern und derer Eltern und der europäischen Ethnologie, nun weiß ist. Und weiß auch nur im Sinne von „weiß am nächsten“ im Vergleich aller Hautfarben der Welt.

Aber ich bin nicht hergekommen, um zu sagen „ich bin weiß“. Für mich hat das natürlich nie eine Rolle gespielt im Bezug auf meinen Umgang mit meinen Mitmenschen, nicht nur weil das ein Prinzip von Entwicklungsdienst ist, sondern auch einfach weil das eine menschliche Einstellung ist und auf Moral hinweist. Diese Auffasung sollte für jeden das normalste der Welt sein.

Stattdessen wurde mir ständig gesagt oder zu verstehen gegeben: „du bist weiß, ich bin nur schwarz“. Anfangs hat mich das geschockt, betrübt und total verunsichert. Was sage ich jetzt? Sind die Kinder deswegen eingeschüchtert oder erwarten sie jetzt etwas von mir? Wieso werten sie ihre Hautfarbe so ab? Was fange ich mit der Aussage an? Ich habe dieses Thema einfach immer etwas klein gemacht. Manchmal habe ich gesagt: „you are Black but both human“ (du bist schwarz aber wir sind beide Menschen) oder ich habe einfach nur gesagt, dass das keine Rolle spielt für uns.

Oft sind auch Kinder (aber auch genauso Erwachsene!) zu mir gekommen und haben mich gebeten, ihnen was von meiner weißen Hautfarbe abzugeben. Verunsichert wie ich war, habe ich entweder nur gelacht oder mit einem magischen Trick unsere Arme aneinander gehalten, „wuuuuuuusch“ gesagt und ihnen damit weiße Farbe abgegeben. Mittlerweile sage ich ihnen oft einfach nur, dass ich sie doch auch schön finde – mit ihrer Haut, ihren Haaren und ihrem Gesicht. Anfänglich betrübte es mich auch, dass viele Menschen hier versuchen „weißer“ zu erscheinen, indem sie sich Puder ins Gesicht schmieren, Gesichtscremes mit Bleiche nutzen, weißende Handyfilter verwenden oder sich sogar medizinischen Eingriffen unterziehen. Im Endeffekt das Pendant zu Sonnenstudios bei uns.

Viele sind auch absolut fasziniert von meinen Haaren und vor allem von meinen Augen. Manchmal kommen einfach Leute zu mir und sagen „du hast blaue Augen, das ist wunderschön“. Dann bedanke ich mich anständig und sage ihnen etwas, das mir bei ihnen als besonders schön aufgefallen ist. Denn die Leute hier sind genauso wunderschön. Und trotzdem glaube ich, dass das den meisten nicht klar ist. Natürlich wie bei uns auch. Es werden einfach insgesamt zu wenig Komplimente vergeben. Kaum jemand spricht es aus, wenn er jemand anderen schön findet. Viel zu groß ist die innere Überwindung. Aber hier habe ich auch zunehmend das Gefühl, dass der Großteil gar nicht mal mehr eine Chance hat, Eindruck zu machen, weil es zu viele Menschen gibt. Das Individuum geht in dieser Masse verloren. Indien hat über 1,3 Milliarden Menschen und ist damit knapp hinter China das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt. Nach den beiden Ländern kommt erstmal eine Weile nichts bis zu den USA (~327 Mio. Einwohner). Die Bevölkerungsdichte in Indien ist rund doppelt so hoch wie in Deutschland. Der Einzelne geht gefühlt unter.

In dieser Masse sticht „der Weiße“ heraus. Ich werde regelmäßig auf der Straße angesprochen, wo ich herkomme und ob wir nicht ein Selfie zusammen machen können. Ich weiß, dass sie das fragen, weil ich weiß bin. Bei der Post werde ich direkt durchgewunken zum Chef, der sich persönlich um mich kümmert und mir erzählt, dass er auch schon mal in Frankfurt war. Ich weiß, dass er das macht, weil ich weiß bin. Beim Arzt, musste ich noch nie länger als 5 min warten, ich war immer sofort dran, obwohl mind. noch 20 andere Menschen im Wartezimmer saßen. Ich weiß, dass sie das machen, weil ich weiß bin. – Das ist positiver Rassismus. Für mich hat es oftmals positive Auswirkungen, aber am Ende werde ich nur aufgrund meines Aussehens auf eine bestimmte – bessere – Weise behandelt. Das ist keine Gerechtigkeit.

Und am Ende werde auch ich immer noch auf Klischees reduziert. Natürlich muss ich aus Amerika kommen, weil ich weiß bin. Natürlich zahle ich den dreifachen Rikscha-Preis, weil ich weiß bin. Natürlich werde ich von bestimmte Leuten gezielt nach Geld gefragt, weil ich weiß bin. Denn Weiße haben Geld. Es ist manchmal ernüchternd dagegen anzukämpfen, aber es ist keine Aufgabe, die mich müde werden lässt. Es ist eine neue Aufgabe und Herausforderung, über mich selbst mit meiner Hautfarbe nachzudenken; wie ich damit umgehe, wie ich andere Hautfarben sehe und was das mit mir und den Menschen in meiner Umgebung macht, wie meine Einstellung sich nicht ändern sollte und wie sich oftmals das Verhalten meines Gegenübers ändert.

Im Endeffekt bin ich hier, um Brücken zu bauen und das passiert, indem man zeigt, was man gemein hat und dass wir alle Menschen dieser Erde sind. Denn bis mich nicht wieder jemand drauf hinweist, vergesse ich immer und immer wieder, dass ich nicht die selbe Hautfarbe habe, wie alle um mich herum. Was spielt Hautfarbe für eine Rolle, wenn wir alle empathische Werte haben und diese leben? Wenn Menschen aus verschiedenen Nationen zusammenkommen, kommen neue Ideen und neue Bilder zusammen. Und dann wird ein Stückchen mehr Freude geteilt und mit jedem gemeinsamen Lachen, wird die Welt ein bisschen friedlicher.

Familienurlaub im Norden Indiens

Nachdem es für uns mit dem Flugzeug nach Delhi ging, begann ein Urlaub, den wir so bisher nie hatten. Da wir zum ersten Mal in unserer Familienurlaub-Geschichte die Reise durch eine Agentur haben buchen lassen, wurde uns jegliche Verantwortung abgenommen. Am Flughafen wurden wir direkt abgeholt und mit einem Kleinbus, der nur für uns vier bestimmt war, ins Hotel gefahren. Dieser Kleinbus hat uns die ganze Zeit überall hingefahren und stand ständig für uns bereit – inklusive Fahrer versteht sich.

Ich hatte den Luxusurlaub meines Lebens. Ich glaube zwar, dass ich alles verstärkt als Luxus wahrgenommen habe, weil ich die 9 Monate davor in recht einfach Verhältnissen lebte. Aber wir waren schon wirklich überall mit unglaublichen Hotels gesegnet.

Das war für mich eine Umstellung, die mir am Anfang sehr schwer fiel, da ich immer versuche wie die Kinder im Projekt zu leben. Trotzdem eine Umstellung, an die ich mich aber schnell gewöhnte. Was mich allerdings bis zum letzten Tag immer wieder fertig gemacht hat, war die Tatsache, dass ich selbst entscheiden konnte, was ich esse, welche Temperatur mein Wasser beim Duschen hat und vor allem welche Temperatur meine Umgebung hat. Am herausforderndsten war es, wenn es im Hotel sowohl Klimaanlage als auch Ventilator gab. Bis dahin habe ich überall nur mit Ventilator gewohnt und habe gehofft, dass ich dadurch ein wenig kühlenden Wind erhaschen kann. Maximal in öffentlichen Einrichtungen wie beim Geldautomaten oder im Supermarkt gab es eine Klimaanlage, die ein wenig Abkühlung verschaffte. Aber hier hatte ich plötzlich beides und vor allem selbst die Macht über die Klimaanlage – komplette Überforderung!

Es ist definitiv was anderes als Tourist durch Indien zu laufen und nicht Volunteer in einer NGO zu sein. Aber es war ein wunderschöner Urlaub und eine interessante Erfahrung Indien aus einem anderen Blickwinkel zu erleben.

Unsere Reiseroute wurde durch unsere Reiseagentur festgelegt und beinhaltet ein abwechslungsreiches Programm.

An jedem Ort wurden wir von einem lokalen Reiseführer herumgeführt. Hauptsächlich besuchten wir Burgen und Paläste aus der Zeit der Maharajah. Ich möchte meine Eindrücke vor allem mit Hilfe von Bildern teilen.

Delhi

Rikscha-Fahrt durch die Straßen Delhis
Quatab Minar

Denkmal für Mahatma Ghandi, Ort seiner Verbrennung

Agra

Eingangstor zum Taj Mahal

Wir waren am Abend zum Sonnenuntergang dort und so hatten wir das Glück ein paar wunderschöne Eindrücke mit der untergehenden Sonne zu genießen

Taj Mahal – ein Weltwunder. Ich muss sagen, dass ich es wirklich beeindruckend dort fand. Die Atmosphäre war entspannend für mich aufgrund des ganzen Marmors und dieser großen aber doch fast noch schlichten Wände. Für mich war die ganze Symmetrie an diesem Ort wunderschön und alles hat seinen Platz und seine Bedeutung. Das ist für mich beruhigend und ästhetisch. Denn am ganzen Taj Mahal gibt es lediglich zwei Dinge, die nicht symmetrisch sind. Trotzdem ist es für mich am Ende nur ein Gebäude. Klar, auf jeden Fall ein beeindruckendes Gebäude, aber im Endeffekt bin ich eher jemand, den Sachen, die mit Menschen zu tun haben, viel mehr berühren. Aber es ist ein Besuch wert!

Red Fort

Fatehpur Sikri

Ranthambore

Im Nationalpark Ranthambore waren für uns zwei Safaris vorgesehen. Einem am Morgen und eine weitere am Nachmittag. Der Nationalpark ist in mehrere Zonen eingeteilt und das Highlight ist es, wenn man einen Tiger zu Gesicht bekommt. Auf unserer ersten Safari saßen wir im Jeep mit einem Ehepaar, dessen sechste Safaris das bereits ist und die bis dato noch keinen Tiger gesehen hatten. Die Sterne standen anscheinend gut für uns, denn auf unserer Morgen-Safari sahen wir einen und auf unserer Nachmittag-Safari zwei Tiger. Alle waren super aufgeregt!

Bundi

Udaipur

Silawatwari

Girwa
Ausblick vom Hotel auf den Pichola-See

Jaipur

Palast der Winde

Devisinghpura

Ende der Reise

Damit jeder wieder zu seinem Wohnort kommt, sind wir zum Ende nochmal nach Delhi gefahren und meine Eltern und mein Bruder sind nach Frankfurt und ich zurück nach Vijayawada geflogen.

Der Urlaub war toll. Zum einen war ich froh endlich mal alle wichtigen Bauwerke im bekanntesten Bundesstaat Rajasthan kennenzulernen. Aber vor allem war es wundervoll meine Familie wiederzusehen und ihnen meine Welt hier ein bisschen näher zu bringen. Es war interessant zu bemerken, wie unterschiedlich ich auf manche Dinge reagiere bzw. in bestimmten Situationen agiere, als meine Familie. Dabei meine ich vor allem die Preise in Restaurants oder Essenständen und auch was ist jetzt eher als höflich und was als unhöflich angesehen wird.

Ich bin auf jeden Fall unfassbar froh und dankbar, dass es geklappt hat und sie mich hier besuchen konnten. Und nun ist es ja auch gar nicht so lange bis wir uns schon wieder sehen.

Meine Familie in Vijayawada

Am Donnerstag war es endlich soweit! Seit ich hier bin, war das auf jeden Fall schon immer ein Punkt, auf den ich hinfiebere. Immer ein Datum in meinem Kopf, das irgendwie eine Art Höhepunkt oder Wendepunkt in meinem Dienst bedeutet. Und dann war es soweit und ich machte mich (natürlich verspätet) mit dem Fahrer von Navajeevan und dem Jeep auf zum Flughafen, um meine Familie abzuholen, nach 9 Monaten wiederzusehen und sie in meine neue Welt eintauchen zu lassen.

In dem Moment, in dem ich sie in die Arme schloss, konnte ich nicht aufhören zu grinsen und meine Eltern waren, glaube ich, einfach nur erleichtert mich lebend wiederzusehen.

Leider waren für Vijayawada nur zwei volle Tage möglich gewesen in der Planung, sodass ich ihnen ein sehr straffes Programm vorsetzte. Aber sie nahmen alles hin wie es kam, verließen sich zu 100% auf mich und haben alles mitgemacht. Das fand ich wirklich toll und da war ich ihnen sehr dankbar! Meine Mama bestand sogar darauf in genau der selben Kleidung herumzulaufen wie ich. So hatte ich ihr vorab Punjabis und Chunnis organisiert.

Wir haben am Freitagvormittag neben einigen Projekten auch meine Freundin Nalini besucht. Mit Nalini verstehe ich mich schon seit einer ganzen Weile richtig gut! Sie war meine Kollegin als ich noch in der R.C.M. School unterrichtet habe. Mit ihren Kindern hatte ich von Anfang an eine innige Verbindung und Nalini ist der größte Segen, den ich mir hier wünschen könnte! Sie hört mir zu, erklärt mir alles, was ich nicht nachvollziehen kann, hilft mir wo sie kann, kümmert sich um mich und in ihrer Gegenwart kann ich mich einfach wohl fühlen und ihr vertrauen. Deswegen stand es außer Frage, dass meine Familie sie auch kennenlernen muss. Natürlich hatte Nalini für uns gekocht und ich war so froh, dass sich alle so gut verstanden. Am Ende hat es sich Nalini natürlich auch nicht nehmen lassen und meiner Mama einen Saree geschenkt.

Am Nachmittag sind wir zur Karfreitagsandacht ins Chiguru gefahren. Alle Mitarbeiter und natürlich die Kids sind den Kreuzweg Jesu nachgelaufen – und wir natürlich mit! Obwohl wir kein Wort verstanden haben, war es sehr bewegend. Nur während des anschließenden zweistündigen Gottesdienstes sind Mama und Josef immer mal weggenickt 😀 Ich bin an stundenlange Veranstaltungen auf Telugu schon voll gewöhnt.

Meine Familie wurde wundervoll begrüßt und die Kids haben sie sofort in ihre Mitte genommen.

Nach einer Nacht im Chiguru haben wir dann am Samstag noch das BVK besucht, wo ich die ersten 6 Monate arbeitete und meine Mama hat nach lang ersehnter Zeit ihr erstes Mehndi bekommen.

Nach einer aufregenden Busfahrt für meine Eltern ging es dann am Nachmittag endlich shoppen! Über Sarees, Mehndi (Henna-Farbe), Bindis (der berühmte indische Punkt) und Stoffe hat meine Mama nichts ausgelassen. Und auch mein Papa und mein Bruder haben ihre ersten maßgeschneiderten Hemden bekommen und natürlich Chai genossen.

Samstagabend haben wir den Aufenthalt in Vijayawada mit einem Restaurantbesuch im Kreise der ganzen Volo-Familie beendet und Mama konnte den Saree von Nalini ausführen.

Besonders schön war es für mich auch, dass meine Eltern das richtige flat-Leben erfahren konnten. Da sie und Josef dank meiner Mitfreiwilligen Tabea genug Platz hatten, konnten sie Tür an Tür mit mir schlafen und für zwei Nächte so wohnen wie ich es seit neun Monate schon tue. Außerdem haben sie die Volo-Familie kennen und lieben gelernt und erlebt, wie wir unsere ganz besondere Atmosphäre hier leben.

Auf dem Flug nach Delhi fragte ich meinen Papa, was er aus Vijayawada im Gedächtnis behält. Er sagt, er wäre gerne länger da geblieben und ist einfach beeindruckt wie wir das Leben hier leben. Und ich denke, das wird genau das sein, was es zusammenfasst, wie sehr ich alles hier vermissen werde, wenn ich in nicht mal mehr drei Monaten Indien verlassen muss.

Dann ging es weiter nach Delhi…

Warum ich finde, dass die Inder besonders freundlich sind

Vielleicht hatte ich es das ein oder andere Mal schon angedeutet, aber ich persönlich nehme die Inder als ganz besonders freundlich und liebevoll im Umgang mit mir wahr. Dies ist, denke ich, auch ein bedeutender Punkt, der mich hier unglaublich wohl fühlen lässt! Deswegen möchte ich meine Erfahrungen dazu ein bisschen genauer erläutern.

Als ich im August ankam, war noch Regenzeit. Nachdem ich meine indische SIM-Karte erhielt, erreichten mich auch immer einige SMS von meiner Telefongesellschaft BSNL. Besonders eine immer wieder versendete Nachricht hatte meine Aufmerksamkeit. Denn vor jedem Regenerguss schickte mir BSNL eine Warnung mit dem Aufruf mich an einem sicheren Ort aufzuhalten, um nicht zu Schaden zu kommen. Sicherlich klingt das ein wenig banal, aber für mich ist das ein beruhigendes Gefühl gewesen, dass es diese Telefongesellschaft so kümmert, dass ihre Kunden durch den Regen nicht zu Schaden kommen. Ich habe mich immer gefreut und war dankbar, dass es jemanden interessiert (auch wenn es nur eine indische Telefongesellschaft ist), dass ich sicher bei Regen und Sturm bin.

Eine weitere Sache, die mir von Zeit zu Zeit mal aufgefallen ist und die auch damit einhergeht, dass die Inder einen immer in Sicherheit wissen wollen, ist, dass man nie allein sein sollte. Wenn ich erzähle, dass ich irgendwo hingehe, kommt sicherlich die Frage, wer denn mitkommt. Und wenn sie hören, dass ich irgendwo allein hingegangen bin, dann sind sie ganz verwundert und erschrocken. Einmal bestand beispielsweise eine ältere Frau vehement darauf, dass sie mich über die Straße begleitet. Klar, es gab keine Ampel, geschweige denn Zebrastreifen und die Straße war auch mehrspurig, aber ich hatte davor auch schon des öfteren mal eine Straße überquert, ich war kein Anfänger mehr 😀 Dieser Frau war es jedenfalls extrem wichtig, dass sie auf mich aufpasst und schaut, dass ich sicher auf der anderen Seite ankomme und hat mich dort dann noch gesegnet. Solche Momente erwärmen immer mein Herz. Ähnlich war es als ich mal nach meiner Arbeit mit dem Bus zurückgefahren bin, weil ich einen Saree trug und Fahrrad und Saree habe ich einmal probiert und danach nie wieder 😉 Eine ganze Horde meiner Schülerinnen hat ebenfalls an der Bushaltestelle gewartet und nach und nach kam ihr jeweiliger Bus bis ich fast die letzte war (wann der Bus kommt ist immer mehr wie eine Überraschung) Ein weiterer Bus rollte vor, in den eigentlich eine meiner Schülerinnen einsteigen musste, aber sie hat mich ganz betroffen gefragt, ob sie da jetzt wirklich einsteigen kann. Ich fragte, wieso denn nicht? Naja, ich wäre ja dann allein! Ich musste sie dann sehr sehr schnell überreden doch noch in den Bus zu steigen und dass ich das hier alleine auch schaffen werde.

Die Inder haben es bisher auf jeden Fall immer geschafft, dass ich mich sicher fühle. Insgesamt auf jeden Fall sicherer als auf den Straßen Halles.

Eine weitere Situation, in der ich immer wieder die Fürsorge und Freundlichkeit der Inder erlebe, ist beim Essen. Es wird immer sehr, sehr stark darauf geachtet, dass jeder genug zu essen hat! Hier wird man auch öfter gefragt, ob man gegessen hat und weniger kommt die Frage, ob es einem gut geht. Denn im Endeffekt bedeutet es ja, dass es einem gut geht, wenn man gegessen hat. Also „Had your breakfast?“ – „Had your Lunch?“ – „Had your Dinner?“ ist je nach Tageszeit immer die erste Frage und glaube ich auch die Frage, die mir am meisten gestellt wurde seitdem ich hier bin. Am Anfang war es befremdlich, mittlerweile finde ich es richtig herzlich! Klar, jeder ist glücklich, wenn er was gegessen hat und wenn für das leibliche Wohl gesorgt wurde, dann geht’s einem auch gut. Wenn ich es allerdings mal gewagt habe und mit „nein“ geantwortet habe, dann war aber was los. Zunächst kommt dann immer erstmal „Why? Why?“ Warum um alles in der Welt habe ich noch kein Mittagessen gehabt? Und wenn das geklärt ist, dann wird aus allen Ecken erstmal was zu essen aufgetrieben, ob ich das nun will oder auch nicht – spielt keine Rolle! An jeder Ecke kann man ja Kekse kaufen oder jemand hat Snacks dabei oder von einem Straßenstand bekomme ich meine Mahlzeit. Hauptsache ich habe gegessen. Beispielsweise gab es in der Schule, in der ich arbeitete, immer eine Snack-Pause, in der die Kids ihre Chipstüten und Kekspackungen ausgepackt haben.

Ich hatte nie einen Snack dabei, so gaben mir die Lehrerinnen immer etwas ab und es ging irgendwann soweit, dass eine Lehrerin immer eine extra Kekspackung auch nur für mich dabei hatte. Ich habe versucht es abzulehnen, aber keine Chance. Denn das ist ein weiterer Punkt: wenn man versucht etwas abzulehnen, was einem angeboten wird, dann wird das erstmal nicht akzeptiert. Du musst schon zehntausendmal Nein gesagt haben, deine Hand über den Teller halten und sagen, dass du wirklich satt bist. Dann hast du vielleicht eine Chance, dass du nicht noch eine vierte Portion bekommst. Sie wollen zu 100% sicher sein, dass du auch was gegessen hast.

Um auch wirklich sicher zu gehen, dass jeder isst, habe ich schon öfter noch etwas beobachten können. Wir essen ja unser Essen einfach mit der Hand, also ohne Besteck, und so ist es ganz einfach den anderen zu füttern. Wenn jemand beispielsweise etwas zu tun hat und die rechte Hand dabeinnicht sauber ist, dann sorgt jemand anderes dafür, dass der andere auch gegessen hat. Eine Hand für sich selbst und eine Hand für den nächsten. Hauptsache jeder hat Essen. Ähnlich sieht es beim Trinken aus. Egal ob Glas oder Flasche, die Inder setzen beim Trinken nicht an ihre Lippen an. Sie schütten sich das Wasser sozusagen einfach in den Rachen. Das hat den einfachen Vorteil, dass jeder aus der selben Flasche oder dem selben Becher trinken kann. Es ist nahezu genial! Auf einem Tisch steht dann einfach eine große Wasserflasche, die von jedem genutzt wird. Und an Wasserspendern steht einfach nur ein Becher daneben und jeder bedient sich. Solche Aussagen aus Deutschland wie „Neeee, du trinkst nicht aus meiner Flasche, ich will nicht, dass du die vollsabberst“ gibt es hier nicht. Es wird geteilt ohne wenn und aber. Und auch beim Trinken füttert man den anderen sozusagen, indem man ihm das Wasser in den Mund kippt. Das ist besonders bei den kleinen Kindern immer von Vorteil.

Ein Satz, den ich außerdem verhältnismäßig oft höre, ist: „take Rest, take Rest“, also dass ich mich gefälligst ausruhen soll. Ich sollte mich auf keinen Fall überanstrengen und nach dem Mittagessen erstmal zu schlafen, wird vor allem jetzt da es Sommer wird, immer wichtiger.

Besonders bei den Urlaubsvorbereitungen ist mir noch etwas aufgefallen: die Gastfreundschaft der Inder ist unglaublich! Es wird niemals abgelehnt, wenn jemand einen Schlafplatz braucht, auch nicht, wenn eigentlich wirklich kein Platz ist. Eine Familie, die ich kenne, hat lediglich einen Raum, in dem sie leben und dort schlafen sie auch alle zu viert in einem Bett. Trotzdem stand es außer Frage, dass sie noch den Sohn einer Bekannten aufnehmen, der einen Ort zum Bleiben brauchte. Irgendwie geht es ja immer! Und bei der Urlaubsplanung fand ich es wahnsinnig beeindruckend, dass wir in jeder Stadt irgendwo untergekommen sind bei Menschen, die man um fünf Ecken kannte. Also eigentlich kannten wir sie nicht. Aber die Schwester von der einen Arbeitskollegin hat da Bekannte und die kann man ja mal fragen. Kein Problem. Es wird immer arrangiert, dass man unterkommt und dass es einem dort gut geht. Natürlich auch mit ausgiebigen Mahlzeiten – selbstverständlich!

Diese Familie hat uns nicht nur in ihrem komplett neu renovierten Haus wohnen lassen, sondern hat uns auch die Stadt gezeigt und abends für uns gekocht.

Ich war immer und immer wieder beeindruckt, wie sehr die Inder schauen, dass es dem anderen gut geht. Vielleicht ist Freundlichkeit ein gutes Wort dafür, aber voll und ganz zutreffend ist auf jeden Fall: Fürsorglichkeit. Diese Fürsorge hat mich hier auch niemals einsam fühlen lassen, geschweige denn unsicher. Dafür bin ich sehr dankbar und habe nur das Problem, dass ich gefühlt nie richtig ausdrücken kann, wie sehr ich das alles wertschätze.