Auf den Straßen in Vijayawada unterwegs

Nun kommen wir zu einem der typischen Indien-Vorurteile: der Verkehr ist ganz chaotisch. Ehrlich gesagt muss ich dieses Vorurteil bestätigen, aber ich möchte festhalten, dass es tolles Chaos ist! Die negative Konnotation, die in dem Vorurteil mitschwingt, sehe ich hier gar nicht. Ich finde den Verkehr hier wahnsinnig beeindruckend!

Verkehrsregeln gibt es hier nicht so richtig. Man sollte da fahren, wo Platz ist! Das ist ja eigentlich auch ganz schön praktisch.

Außerdem erlebe ich hier auf den Straßen eine friedliche Koexistenz aller Verkehrsteilnehmer: von den großen Bussen, Trucks und LKWs über herkömmliche Autos und Rikschas, sowie Share Taxis über auch die Verkehrsteilnehmer, die sich besser überall durchschummeln können: Motorräder, Mopeds, Fahrräder und Fußgänger. Jeder sucht sich einfach seinen Weg auf der Straße und das gilt genauso auch für die Kühe hier! Die sollte man am besten in Ruhe lassen.

Da ich zu meiner Arbeit am Morgen ca. 7-8 Kilometer fahren muss, schwingen uns Vera, die auch dort arbeitet, und ich jeden Tag aufs Fahrrad und stürzen uns in den Verkehr. Daher haben wir auch schon einiges erlebt. Folgendes können wir mit Sicherheit sagen:

– Zebrastreifen sind eher nur Straßenbemalung.

– es ist zwar Linksverkehr, aber in einem Kreisverkehr ist es eigentlich egal in welche Richtung man fährt.

– Fahrspuren für die Verkehrsrichtung sind eher nur so ein Vorschlag, also man sollte sich nicht wundern, wenn einem doch jemand entgegenkommt.

– Hupen und Klingeln ist überlebenswichtig. Man zeigt damit, dass man da ist und gerne auch wahrgenommen wird. Ab und an kann man dank der Hupen im Stau auch erahnen, dass manch einer jetzt gerne weiterfahren würde.

– Blinker braucht man hier nicht. Entweder streckt man die Hand raus oder man fährt halt einfach. Die, die hinter einem fahren merken dann ja, dass man abbiegt.

– Man sollte einfach gut den Bereich vor sich im Auge behalten, denn da will man ja hinfahren. Die hinter einem machen das selbe und müssen sich dann halt an dich anpassen. Es passiert so viel und so schnell etwas vor einem, sodass es eher dumm wäre, auch noch den Bereich hinter sich im Auge behalten zu wollen.

Auch wenn das alles ein bisschen chaotisch klingt, habe ich seit ich hier bin noch nie einen Unfall gesehen. Die Geschwindigkeiten hier sind auch nicht so hoch, weil man ja ständig bremsen muss. Es ist faszinierend, wie gut der Verkehr klappt! Jeder schaut halt auf den anderen und das wichtigste: Niemand ist genervt, wenn plötzlich jemand vor einem auftaucht oder sich vordrängelt. Da wird einmal kurz gehupt, um zu erinnern, dass man noch da ist, aber richtig wütende oder verbissene Fahrer habe ich noch nicht gesehen. Da kann man in Deutschland schon öfter mal jemand beobachten, der in seinem Auto vor sich hinschimpft oder wild gestikulierend zeigt, dass er unzufrieden ist.

An der Klingel findet sich auch immer wieder eine Erinnerung, wie man sich beim Fahren fühlen sollte

Vera und ich müssen über mehrere besonders große Straßen fahren auf unserem Weg zur Arbeit. An den großen Kreuzungen wird der Verkehr oft durch einen Polizisten geregelt. Der erlaubt dann allen vier aufeinandertreffenden Fahrbahnen nacheinander zu fahren. Jede Fahrbahn darf so lange fahren bis der letzte im Stau Stehende durch ist.

Hier kann man sich gut in Geduld üben, denn man steht dann schon mal eine Weile.

An den kleineren Kreuzungen regeln Ampeln den Verkehr. Oft werden die Sekunden angezeigt, wie lange noch rot oder grün ist, damit man sich anpassen kann. Trotzdem gilt es für manche Verkehrsteilnehmer auch noch, wenn man die grüne Ampel irgendwann mal gesehen hat.

Es ist wahnsinnig spannend zu sehen, wer auf den Straßen alles unterwegs ist. Vera und ich können immer von einer neuen Geschichte erzählen. Auch wenn wir uns im Stau immer mal zwischen all den Fahrzeugen wiederfinden und winken müssen, ist es toll nicht alleine unterwegs zu sein.

Auch wenn ich in Deutschland immer mit Fahrradhelm unterwegs bin, muss ich hier darauf verzichten. Einmal, weil ich dann vor Hitze wahrscheinlich vom Fahrrad kippen würde und auch weil ich gar nicht wüsste, ob ich hier überhaupt einen Fahrradhelm kaufen kann! Ganz selten tragen die Motorradfahrer einen Helm, aber dann auch nur einer und nicht die ganze Familie, die auf dem Motorrad immer Platz findet. (Der Vater fährt, das kleine Kind steht zwischen seinen Beinen und hinten sitzt die Frau mit dem Kind auf dem Schoß – ich habe sogar mal eine Frau auf dem Motorrad hinten ihr Baby stillen gesehen!)

Ich verstehe jetzt aber, warum mein Fahrlehrer damals mit mir zur Prüfung nur unter der Bedingung gefahren ist, dass ich ihm verspreche hier kein Auto zu fahren. Ich habe mich daran auch gehalten! Ich genieße den Verkehr aber auch sehr, denn es ist jedes Mal ein Erlebnis!

Nun würde ich gerne noch einige Eindrücke von meinem täglichen Arbeitsweg teilen, den ich immer mit Vera bestreiten darf. Unsere Fahrräder sind zwar sehr klapprig und ich musste mein Fahrrad auch schon wechseln aufgrund von irreparabler bzw. nicht zufriedenstellender Leistung meiner Bremsen, aber wir haben uns daran gewöhnt. Man darf einfach nicht zu hohe Erwartungen an sein Fahrrad haben und dann kommt man auch super klar!

Viele Inder haben hier ein Motorrad oder Moped, denn irgendwie findet darauf schon die ganze Familie Platz und man kommt bequemer durch den Straßenverkehr
Beim Busfahren durften wir beobachten, wie der Busfahrer jedes Mal von einem fürchterlichen Geräusch begleitet den Gang reingehauen hat. Aber die Hupen vom Bus sind dafür am eindringlichsten!
Jeder wird hier mitgenommen!

Beim Start für den Rückweg von der Arbeit

Es wird auch gerne beim Motorradfahren telefoniert und nicht immer nur mit Kopfhörern…

2 Gedanken zu „Auf den Straßen in Vijayawada unterwegs“

  1. Du beschreibst den Verkehr in Indien genauso wie ich ihn erlebt habe :), ich finde das super! Aber ich bewundere deinen Mut, selbst mit dem Fahrrad zu fahren. Ich habe ja beim Mitfahren in der Riksha oder im Taxi keine Angst – im Gegensatz zu meinem Mann :)) – aber selbst fahren ist eine andere Kategorie!

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