Merkwürdige Angewohnheiten der Inder

Ich habe ja immer sehr stark betont, wie freundlich und hilfsbereit die Inder sind. Allerdings gibt es auch ein paar Eigenheiten, die man als Nicht-Inder vielleicht erstmal als merkwürdig empfinden könnte. Diese Dinge tun meinem positivem Bild von den Landsleuten allerdings keinen Abbruch und sollte jemand von euch mal nach Indien reisen, dann sollte das ebenfalls so sein. Ich nehme die Sachen einfach nur als einen Teil der indischen Kultur wahr. Teilweise bemerke ich es aber auch gar nicht mehr.

Ein paar der Angewohnheiten möchte ich mit euch teilen:

– während der Fahrt ein Gespräch beginnen

Ich fahre ganz gemütlich auf meiner überfüllten Straße auf meinem halb zerfallenen Fahrrad entlang und plötzlich kommt von der rechten Seite ein bekanntes „Which Country?“ Zwei Inder auf einem Motorrad schauen mich erwartungsvoll an und wollen eine Antwort. Keine ungewöhnliche Situation. Ich werde oft mitten auf der Straße beim Fahrradfahren angesprochen. In der richtigen Stimmung lasse ich mich gerne mal auf ein gutes Gespräch ein, aber manchmal ist es mir dann doch zu viel und ich halte es für wichtiger meine Konzentration auf den Verkehr zu richten. Man sieht aber oft Inder, die sich beim Fahren unterhalten. Meist zwei Motorradfahrer nebeneinander, die einen kleinen Plausch halten. Aber auch Fahrradfahrer, Auto- oder Rikshafahrer sind gerne mal in ein Gespräch vertieft. Bietet sich ja auch an, wenn man aufgrund des vollen Verkehrs so nah nebeneinander fahren muss.

Swaan macht mit zwei Indern auf dem Heimweg Bekanntschaft

Übrigens: die Inder hier stört es gar nicht, dass ich Kopfhörer drin habe, sie quatschen mich trotzdem an. Sie sind halt nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen 😉

– Verzicht auf Taschentücher

Das Klischee kennen sicherlich einige. Die Menschen bei mir nutzen keine Taschentücher, stattdessen nutzen sie die altbekannte Methode, die den meisten Kleinkindern bei uns versucht wird abzugewöhnen: einfach ein Nasenloch zu halten und kräftig hochziehen. Kein Problem. Viel ekliger finden sie es, wenn sie jemanden sehen, der sein Taschentuch rausholt. („Sister, chi! What is that?“) lustiger Fakt am Rande: im Supermarkt gibt’s trotzdem Taschentücher zu kaufen! Wie gesagt, man kann natürlich nicht alle über einen Kamm scheren…

– Rülpsen und Schmatzen

…ist hier kein Problem. Machen hier sehr viele. Tatsächlich oftmals Männer, aber ich habe auch schon Frauen dabei erlebt. Das wird einfach von der Gesellschaft nicht als unhöflich wahrgenommen.

– von allem und jedem Fotos machen

Klar, es glaubt einem ja keiner, dass man das und das erlebt hat, wenn davon nicht mindestens ein Foto gezeigt werden kann (ein Video ist eigentlich noch besser) Deswegen weiß man auch schon, auf jeder Veranstaltung wird sich mindestens einmal versammelt um Gruppenfotos zu machen – in allen möglichen Konstellationen. Ein Beispiel: habe ich eine Feierlichkeit im BVK, dann gibt es erst ein Gruppenfoto mit allen zusammen, dann nochmal jede Klasse einzeln mit ihrem Lehrer, dann nochmal alle Mitarbeiter vom BVK, dann nur die Gäste mit unserem BVK-Chef und dann nochmal Einzelfotos und vor allem Selfies. Die ganzen Fotos werden dann übrigens liebend gern rumgezeigt, auf Familienfeiern, auf der Arbeit, wenn man sich zufällig trifft und das Ereignis noch nicht so lange zurücklag oder einfach wenn man besonders stolz ist auf ein Foto. Über WhatsApp werden sie auch gerne verschickt und vor allem ganz rasant. Als ich einmal in der Schule einen Tanz mit den Lehrern aufgeführt habe, wurde ich wenige Stunden später beim Abendessen schon von einem unserer Fathers darauf angesprochen. Ihm wurde das Video von dem Schuldirektor geschickt („Schau mal, was deine Freiwillige heute gemacht hat“)

Beim Umlegen der Hochzeitskette wird kurz gewartet bis das Foto gemacht wurde

Übrigens: wenn irgendwas überreicht wird oder im allgemeinen eine besondere Bewegung gemacht wird, dann halten die Inder dabei still (frieren sozusagen kurz ein), warten bis ein Foto gemacht wurde und dann geht’s weiter. Allerdings habe ich das auch schon übernommen und achte ebenfalls bei fast allen Dingen darauf, dass gemeinsam ein Foto gemacht wird. Und das Innehalten bei einer Bewegung, um ein Foto zu knipsen, habe ich mir auch schon automatisch angeeignet.

– auf Fotos nicht lächeln

Trotz der immensen Fotoliebe, schauen die meisten auf Gruppenfotos so aus, als wären sie lieber ganz woanders. Sie zeigen prinzipiell selten ihre Zähne auf Bildern. Manchmal sind wir dann die einzigen, die richtig komisch aussehen, weil wir grinsen, aber manchmal passen wir uns auch einfach an…

– Raketen aus der Hand schießen lassen

Klingt gefährlich, ist es vielleicht auch… Aber kein Problem. In Vijayawada wird im Gegensatz zu Deutschland das ganze Jahr über Feuerwerk geschossen. (Bei dem Lautstärkepegel macht das auch nicht mehr viel aus) Vor allem an Diwali (dem Hindu-Fest im November, ich habe darüber berichtet) haben wir den Umgang der Menschen hier mit Feuerwerk kennengelernt. Dabei wurden Sicherheitsvorkehrungen, die in Deutschland ja ganz oben auf der Tagesordnung stehen, eher außen vor gelassen. Hauptsache es knallt. In einem unserer Projekte haben daher auch die kleinsten Kinder schon Raketen gefeuert und ein Feuerwerkskörper ist sogar in den Hausflur gezischt. Es erschien uns sehr unvorsichtig, aber Anpassung ist alles, also haben wir an Silvester gezeigt, was wir schon gelernt haben.

Diwali im Deepa Nivas mit Johnny und Lilli

– Kopf wackeln

Für Nicht-Inder ist diese Angewohnheit besonders auffällig und befremdlich. Für mich gehört sie zu den Angewohnheiten, die ich schon gar nicht mehr bemerke, sondern stattdessen schon übernommen habe. Die Inder wackeln ständig ganz fröhlich mit dem Kopf: um ein „Ja“ auszudrücken, um zu zeigen, dass sie zuhören oder einfach beim Erzählen. Als die Familien der anderen Freiwilligen über Weihnachten zu Besuch waren, haben einige schon ganz begeistert festgestellt: „ihr macht das ja auch schon alle! Sogar wenn ihr gar nicht mit Indern redet sondern nur untereinander!“ Ja, das ist einfach wirklich eine schöne Geste, die für mich persönlich so viel Herzlichkeit ausdrückt.

– Laut Telefonieren/Musik hören

Ganz oft sieht man auf der Straße, im Bus, beim Warten in der Post oder im Restaurant Menschen, die laut telefonieren. Der Lautsprecher ist an und so wird dann das Telefonat geführt. Das selbe ist auch mit der Musik so. Vielleicht verzichten sie auf Kopfhörer, damit das Musikerlebnis geteilt wird. Die lauten Telefonate verstehe ich nicht (sie sind ja auf Telugu), aber etwas befremdlich ist es schon. Insgesamt ist das aber alles nicht so schlimm, weil der Lautstärkepegel der Stadt sowieso immer so hoch ist, dass diese Eigenheit dann auch nicht mehr so ins Gewicht fällt.

– Cake Cutting

Bei jeder Veranstaltung, sei sie noch so klein, gibt es mit Sicherheit einen Kuchen. Darauf wird hier viel Wert gelegt und das „Cake Cutting“ (Kuchenschneiden) hat sich schon als fester Programmpunkt etabliert. Die Größe des Kuchens ist abhängig von der Wichtigkeit der Veranstaltung. Die gesamte Prozedur läuft dann meist folgendermaßen ab: die „wichtigsten“ Anwesenden der Veranstaltung schneiden gemeinsam den Kuchen an. Dabei ist wichtig: so schick und elegant die Veranstaltung auch ist – das Messer ist immer ein Plastikmesser, das zum Kuchen dazu geliefert wird. An Weihnachten hat eine Mama ganz geschockt gefragt, ob denn hier nicht mal jemand ein gescheites Messer bringen kann, nachdem unser Plastikmesser gebrochen ist. Das hat niemanden aus der Ruhe gebracht, weil das öfter mal passiert. Dann wird das erste angeschnittene Stück einem anderen „wichtigen“ Anwesenden in den Mund gestopft. Er wird also gefüttert. Das dürfen dann nach und nach alle machen. An Geburtstagen wird zum Beispiel das Geburtstagskind von allen Gästen gefüttert oder je nach Veranstaltung auch die Hauptperson. Manchmal wird dieser Person dann der Kuchen sogar ins Gesicht geschmiert. Den Kuchen nennen wir Volos immer Zahnpastakuchen, weil er zwar super schön und wichtig aussieht, aber meistens einfach nur eklig nach Zahnpasta schmeckt.

Alle innehalten fürs Foto und alle wichtigen Leute müssen vermeintlich am Anschneiden teilhaben

– einen Fingernagel ganz lang wachsen lassen

Ich habe das nun schon öfter beobachtet, dass vor allem Männer, sich ganz oft einen Fingernagel (meistens den vom kleinen Finger) ganz lang wachsen lassen haben. Ich weiß noch nicht warum, aber es ist auf jeden Fall auch für mich noch sehr befremdlich. Übrigens immer nur an der linken Hand, denn mit der rechten Hand wird ja gegessen!

– alles zweimal sagen

Ich meine nicht alles-alles, aber bestimmte Sachen schon. Zum Beispiel bekommt man nie ein einfaches „ok“, sondern immer ein „ok, ok“. Genauso ist es mit „No Problem, No Problem“, „Welcome Welcome“, „Come, come“ oder „eat, eat“. Außerdem bin ich ja mittlerweile ein großer Fan unserer Telugu-Musik und da verhält es sich ähnlich. Titel meiner Lieblingslieder lauten: „Inkem Inkem“, „Yenti Yenti“ oder „Follow Follow“ (übrigens sehr empfehlenswerte Lieder) Aber diese Eigenheit ist definitiv auch schon eine von denen, die ich übernommen habe. Und außerdem finde ich, dass diese Angewohnheit die Menschen nur herzlicher macht.

– alle Süßigkeiten als „Chocolate“ bezeichnen

Wenn die Inder in meiner Umgebung von Süßigkeiten reden (damit meine ich nur abgepackte Süßigkeiten) dann ist immer von „Chocolate“ (Schokolade) die Rede. Während ich mich also schon unglaublich auf die vermeintliche Schokolade freue, gibt es dann am Ende doch nur ein süßes Bonbon o.ä. Wobei – manchmal gibt es auch WIRKLICH Schokolade, aber für meinen Geschmack eher zu selten… Übrigens Kekse werden grundsätzlich nur als „biscuits“ bezeichnet und nie als „cookies“.

Eine Lieblingssüßigkeit. Für mich Bonbons, für meine indischen Freunde Chocolate, für uns beide: absolut lecker!

– merkwürdige Gesundheitstipps geben

Das habe ich nun auch schon öfter erlebt, dass ich einen Tipp bezüglich meiner Gesundheit bekomme, bei dem ich mir nur denke: „hä?? Wieso das denn?“ Einige Beispiele:

• Fliegen verbreiten auch Dengue-Fieber, also beim Essen schön aufpassen!

• wenn du weinst, dann bekommst du mehr Krankheiten!

• nach Dengue-Fieber muss man viel Papaya essen, aber zwei Monate lang kein Hühnchen!

• Jackfruit verhindert ganz viele Krankheiten wie Bronchitis oder Krebs

• am Abend keinen Fruchtsaft mehr trinken, weil man sonst eine Erkältung bekommt!

• von Papaya wird man unfruchtbar!

• bei Hautproblemen keine Kartoffeln essen!

Solche und ähnliche Anweisungen haben wir schon zu hören bekommen, bei denen ich oft nur mit einem unverständlichen Blick reagieren konnte, aber wer weiß…vielleicht haben sie ja recht?

Ich möchte auf gar keinen Fall pauschalisieren und ich kann auch nicht sagen, dass das auf jeden zutrifft (stattdessen kann ich nur das Gegenteil sagen). Ich schreibe oft „die Inder“ weil „der Großteil der Inder, denen ich bisher begegnet bin“ etwas zu umständlich wäre. Die ganze Sachen sind mir auch nur in meiner Region aufgefallen und bei Debora in Kerala zum Beispiel kann es schon wieder ganz anders aussehen. Die immensen Unterschiede haben wir in unserem Urlaub oft genug erlebt. Indien ist so riesig und so vielfältig und ich finde, man kann gar nicht von einer „indischen Kultur“ reden, sondern muss hierbei den Plural nutzen. Trotzdem sind das meiner Meinung nach kleine Dinge im Alltag, die nochmal zeigen, wie verschieden Deutschland und Indien doch wieder sind.

3 Gedanken zu „Merkwürdige Angewohnheiten der Inder“

  1. Wow, ein paar Sachen kannte ich ja und andere kann ich auch zu einem gewissen Grad nachvollziehen, aber Raketen aus der Hand schiessen finde ich dann schon heftig. Feuerwerk ist so schon eine gefährliche Sache und dann so direkt aus der Hand …

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