Warum ich finde, dass die Inder besonders freundlich sind

Vielleicht hatte ich es das ein oder andere Mal schon angedeutet, aber ich persönlich nehme die Inder als ganz besonders freundlich und liebevoll im Umgang mit mir wahr. Dies ist, denke ich, auch ein bedeutender Punkt, der mich hier unglaublich wohl fühlen lässt! Deswegen möchte ich meine Erfahrungen dazu ein bisschen genauer erläutern.

Als ich im August ankam, war noch Regenzeit. Nachdem ich meine indische SIM-Karte erhielt, erreichten mich auch immer einige SMS von meiner Telefongesellschaft BSNL. Besonders eine immer wieder versendete Nachricht hatte meine Aufmerksamkeit. Denn vor jedem Regenerguss schickte mir BSNL eine Warnung mit dem Aufruf mich an einem sicheren Ort aufzuhalten, um nicht zu Schaden zu kommen. Sicherlich klingt das ein wenig banal, aber für mich ist das ein beruhigendes Gefühl gewesen, dass es diese Telefongesellschaft so kümmert, dass ihre Kunden durch den Regen nicht zu Schaden kommen. Ich habe mich immer gefreut und war dankbar, dass es jemanden interessiert (auch wenn es nur eine indische Telefongesellschaft ist), dass ich sicher bei Regen und Sturm bin.

Eine weitere Sache, die mir von Zeit zu Zeit mal aufgefallen ist und die auch damit einhergeht, dass die Inder einen immer in Sicherheit wissen wollen, ist, dass man nie allein sein sollte. Wenn ich erzähle, dass ich irgendwo hingehe, kommt sicherlich die Frage, wer denn mitkommt. Und wenn sie hören, dass ich irgendwo allein hingegangen bin, dann sind sie ganz verwundert und erschrocken. Einmal bestand beispielsweise eine ältere Frau vehement darauf, dass sie mich über die Straße begleitet. Klar, es gab keine Ampel, geschweige denn Zebrastreifen und die Straße war auch mehrspurig, aber ich hatte davor auch schon des öfteren mal eine Straße überquert, ich war kein Anfänger mehr 😀 Dieser Frau war es jedenfalls extrem wichtig, dass sie auf mich aufpasst und schaut, dass ich sicher auf der anderen Seite ankomme und hat mich dort dann noch gesegnet. Solche Momente erwärmen immer mein Herz. Ähnlich war es als ich mal nach meiner Arbeit mit dem Bus zurückgefahren bin, weil ich einen Saree trug und Fahrrad und Saree habe ich einmal probiert und danach nie wieder 😉 Eine ganze Horde meiner Schülerinnen hat ebenfalls an der Bushaltestelle gewartet und nach und nach kam ihr jeweiliger Bus bis ich fast die letzte war (wann der Bus kommt ist immer mehr wie eine Überraschung) Ein weiterer Bus rollte vor, in den eigentlich eine meiner Schülerinnen einsteigen musste, aber sie hat mich ganz betroffen gefragt, ob sie da jetzt wirklich einsteigen kann. Ich fragte, wieso denn nicht? Naja, ich wäre ja dann allein! Ich musste sie dann sehr sehr schnell überreden doch noch in den Bus zu steigen und dass ich das hier alleine auch schaffen werde.

Die Inder haben es bisher auf jeden Fall immer geschafft, dass ich mich sicher fühle. Insgesamt auf jeden Fall sicherer als auf den Straßen Halles.

Eine weitere Situation, in der ich immer wieder die Fürsorge und Freundlichkeit der Inder erlebe, ist beim Essen. Es wird immer sehr, sehr stark darauf geachtet, dass jeder genug zu essen hat! Hier wird man auch öfter gefragt, ob man gegessen hat und weniger kommt die Frage, ob es einem gut geht. Denn im Endeffekt bedeutet es ja, dass es einem gut geht, wenn man gegessen hat. Also „Had your breakfast?“ – „Had your Lunch?“ – „Had your Dinner?“ ist je nach Tageszeit immer die erste Frage und glaube ich auch die Frage, die mir am meisten gestellt wurde seitdem ich hier bin. Am Anfang war es befremdlich, mittlerweile finde ich es richtig herzlich! Klar, jeder ist glücklich, wenn er was gegessen hat und wenn für das leibliche Wohl gesorgt wurde, dann geht’s einem auch gut. Wenn ich es allerdings mal gewagt habe und mit „nein“ geantwortet habe, dann war aber was los. Zunächst kommt dann immer erstmal „Why? Why?“ Warum um alles in der Welt habe ich noch kein Mittagessen gehabt? Und wenn das geklärt ist, dann wird aus allen Ecken erstmal was zu essen aufgetrieben, ob ich das nun will oder auch nicht – spielt keine Rolle! An jeder Ecke kann man ja Kekse kaufen oder jemand hat Snacks dabei oder von einem Straßenstand bekomme ich meine Mahlzeit. Hauptsache ich habe gegessen. Beispielsweise gab es in der Schule, in der ich arbeitete, immer eine Snack-Pause, in der die Kids ihre Chipstüten und Kekspackungen ausgepackt haben.

Ich hatte nie einen Snack dabei, so gaben mir die Lehrerinnen immer etwas ab und es ging irgendwann soweit, dass eine Lehrerin immer eine extra Kekspackung auch nur für mich dabei hatte. Ich habe versucht es abzulehnen, aber keine Chance. Denn das ist ein weiterer Punkt: wenn man versucht etwas abzulehnen, was einem angeboten wird, dann wird das erstmal nicht akzeptiert. Du musst schon zehntausendmal Nein gesagt haben, deine Hand über den Teller halten und sagen, dass du wirklich satt bist. Dann hast du vielleicht eine Chance, dass du nicht noch eine vierte Portion bekommst. Sie wollen zu 100% sicher sein, dass du auch was gegessen hast.

Um auch wirklich sicher zu gehen, dass jeder isst, habe ich schon öfter noch etwas beobachten können. Wir essen ja unser Essen einfach mit der Hand, also ohne Besteck, und so ist es ganz einfach den anderen zu füttern. Wenn jemand beispielsweise etwas zu tun hat und die rechte Hand dabeinnicht sauber ist, dann sorgt jemand anderes dafür, dass der andere auch gegessen hat. Eine Hand für sich selbst und eine Hand für den nächsten. Hauptsache jeder hat Essen. Ähnlich sieht es beim Trinken aus. Egal ob Glas oder Flasche, die Inder setzen beim Trinken nicht an ihre Lippen an. Sie schütten sich das Wasser sozusagen einfach in den Rachen. Das hat den einfachen Vorteil, dass jeder aus der selben Flasche oder dem selben Becher trinken kann. Es ist nahezu genial! Auf einem Tisch steht dann einfach eine große Wasserflasche, die von jedem genutzt wird. Und an Wasserspendern steht einfach nur ein Becher daneben und jeder bedient sich. Solche Aussagen aus Deutschland wie „Neeee, du trinkst nicht aus meiner Flasche, ich will nicht, dass du die vollsabberst“ gibt es hier nicht. Es wird geteilt ohne wenn und aber. Und auch beim Trinken füttert man den anderen sozusagen, indem man ihm das Wasser in den Mund kippt. Das ist besonders bei den kleinen Kindern immer von Vorteil.

Ein Satz, den ich außerdem verhältnismäßig oft höre, ist: „take Rest, take Rest“, also dass ich mich gefälligst ausruhen soll. Ich sollte mich auf keinen Fall überanstrengen und nach dem Mittagessen erstmal zu schlafen, wird vor allem jetzt da es Sommer wird, immer wichtiger.

Besonders bei den Urlaubsvorbereitungen ist mir noch etwas aufgefallen: die Gastfreundschaft der Inder ist unglaublich! Es wird niemals abgelehnt, wenn jemand einen Schlafplatz braucht, auch nicht, wenn eigentlich wirklich kein Platz ist. Eine Familie, die ich kenne, hat lediglich einen Raum, in dem sie leben und dort schlafen sie auch alle zu viert in einem Bett. Trotzdem stand es außer Frage, dass sie noch den Sohn einer Bekannten aufnehmen, der einen Ort zum Bleiben brauchte. Irgendwie geht es ja immer! Und bei der Urlaubsplanung fand ich es wahnsinnig beeindruckend, dass wir in jeder Stadt irgendwo untergekommen sind bei Menschen, die man um fünf Ecken kannte. Also eigentlich kannten wir sie nicht. Aber die Schwester von der einen Arbeitskollegin hat da Bekannte und die kann man ja mal fragen. Kein Problem. Es wird immer arrangiert, dass man unterkommt und dass es einem dort gut geht. Natürlich auch mit ausgiebigen Mahlzeiten – selbstverständlich!

Diese Familie hat uns nicht nur in ihrem komplett neu renovierten Haus wohnen lassen, sondern hat uns auch die Stadt gezeigt und abends für uns gekocht.

Ich war immer und immer wieder beeindruckt, wie sehr die Inder schauen, dass es dem anderen gut geht. Vielleicht ist Freundlichkeit ein gutes Wort dafür, aber voll und ganz zutreffend ist auf jeden Fall: Fürsorglichkeit. Diese Fürsorge hat mich hier auch niemals einsam fühlen lassen, geschweige denn unsicher. Dafür bin ich sehr dankbar und habe nur das Problem, dass ich gefühlt nie richtig ausdrücken kann, wie sehr ich das alles wertschätze.

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