Ich bin weiß, du nicht – na und?!

Klingt unverblümt – ist es auch. Allerdings ist das ein Thema, das in meinem Dienst offensichtlich präsent ist, mir ständig begegnet und mich deswegen dafür schon sehr sensibilisiert hat. Ich möchte meine Erfahrungen und Gedanken zu einem Thema teilen, das vielleicht etwas kontroverser ist, als nur meine Schilderungen von einer Reise oder dem Verkehr.

„Ich bin weiß“ ist sozusagen die kurze Form zu sagen, dass meine Hautfarbe aufgrund meiner Eltern und derer Eltern und der europäischen Ethnologie, nun weiß ist. Und weiß auch nur im Sinne von „weiß am nächsten“ im Vergleich aller Hautfarben der Welt.

Aber ich bin nicht hergekommen, um zu sagen „ich bin weiß“. Für mich hat das natürlich nie eine Rolle gespielt im Bezug auf meinen Umgang mit meinen Mitmenschen, nicht nur weil das ein Prinzip von Entwicklungsdienst ist, sondern auch einfach weil das eine menschliche Einstellung ist und auf Moral hinweist. Diese Auffasung sollte für jeden das normalste der Welt sein.

Stattdessen wurde mir ständig gesagt oder zu verstehen gegeben: „du bist weiß, ich bin nur schwarz“. Anfangs hat mich das geschockt, betrübt und total verunsichert. Was sage ich jetzt? Sind die Kinder deswegen eingeschüchtert oder erwarten sie jetzt etwas von mir? Wieso werten sie ihre Hautfarbe so ab? Was fange ich mit der Aussage an? Ich habe dieses Thema einfach immer etwas klein gemacht. Manchmal habe ich gesagt: „you are Black but both human“ (du bist schwarz aber wir sind beide Menschen) oder ich habe einfach nur gesagt, dass das keine Rolle spielt für uns.

Oft sind auch Kinder (aber auch genauso Erwachsene!) zu mir gekommen und haben mich gebeten, ihnen was von meiner weißen Hautfarbe abzugeben. Verunsichert wie ich war, habe ich entweder nur gelacht oder mit einem magischen Trick unsere Arme aneinander gehalten, „wuuuuuuusch“ gesagt und ihnen damit weiße Farbe abgegeben. Mittlerweile sage ich ihnen oft einfach nur, dass ich sie doch auch schön finde – mit ihrer Haut, ihren Haaren und ihrem Gesicht. Anfänglich betrübte es mich auch, dass viele Menschen hier versuchen „weißer“ zu erscheinen, indem sie sich Puder ins Gesicht schmieren, Gesichtscremes mit Bleiche nutzen, weißende Handyfilter verwenden oder sich sogar medizinischen Eingriffen unterziehen. Im Endeffekt das Pendant zu Sonnenstudios bei uns.

Viele sind auch absolut fasziniert von meinen Haaren und vor allem von meinen Augen. Manchmal kommen einfach Leute zu mir und sagen „du hast blaue Augen, das ist wunderschön“. Dann bedanke ich mich anständig und sage ihnen etwas, das mir bei ihnen als besonders schön aufgefallen ist. Denn die Leute hier sind genauso wunderschön. Und trotzdem glaube ich, dass das den meisten nicht klar ist. Natürlich wie bei uns auch. Es werden einfach insgesamt zu wenig Komplimente vergeben. Kaum jemand spricht es aus, wenn er jemand anderen schön findet. Viel zu groß ist die innere Überwindung. Aber hier habe ich auch zunehmend das Gefühl, dass der Großteil gar nicht mal mehr eine Chance hat, Eindruck zu machen, weil es zu viele Menschen gibt. Das Individuum geht in dieser Masse verloren. Indien hat über 1,3 Milliarden Menschen und ist damit knapp hinter China das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt. Nach den beiden Ländern kommt erstmal eine Weile nichts bis zu den USA (~327 Mio. Einwohner). Die Bevölkerungsdichte in Indien ist rund doppelt so hoch wie in Deutschland. Der Einzelne geht gefühlt unter.

In dieser Masse sticht „der Weiße“ heraus. Ich werde regelmäßig auf der Straße angesprochen, wo ich herkomme und ob wir nicht ein Selfie zusammen machen können. Ich weiß, dass sie das fragen, weil ich weiß bin. Bei der Post werde ich direkt durchgewunken zum Chef, der sich persönlich um mich kümmert und mir erzählt, dass er auch schon mal in Frankfurt war. Ich weiß, dass er das macht, weil ich weiß bin. Beim Arzt, musste ich noch nie länger als 5 min warten, ich war immer sofort dran, obwohl mind. noch 20 andere Menschen im Wartezimmer saßen. Ich weiß, dass sie das machen, weil ich weiß bin. – Das ist positiver Rassismus. Für mich hat es oftmals positive Auswirkungen, aber am Ende werde ich nur aufgrund meines Aussehens auf eine bestimmte – bessere – Weise behandelt. Das ist keine Gerechtigkeit.

Und am Ende werde auch ich immer noch auf Klischees reduziert. Natürlich muss ich aus Amerika kommen, weil ich weiß bin. Natürlich zahle ich den dreifachen Rikscha-Preis, weil ich weiß bin. Natürlich werde ich von bestimmte Leuten gezielt nach Geld gefragt, weil ich weiß bin. Denn Weiße haben Geld. Es ist manchmal ernüchternd dagegen anzukämpfen, aber es ist keine Aufgabe, die mich müde werden lässt. Es ist eine neue Aufgabe und Herausforderung, über mich selbst mit meiner Hautfarbe nachzudenken; wie ich damit umgehe, wie ich andere Hautfarben sehe und was das mit mir und den Menschen in meiner Umgebung macht, wie meine Einstellung sich nicht ändern sollte und wie sich oftmals das Verhalten meines Gegenübers ändert.

Im Endeffekt bin ich hier, um Brücken zu bauen und das passiert, indem man zeigt, was man gemein hat und dass wir alle Menschen dieser Erde sind. Denn bis mich nicht wieder jemand drauf hinweist, vergesse ich immer und immer wieder, dass ich nicht die selbe Hautfarbe habe, wie alle um mich herum. Was spielt Hautfarbe für eine Rolle, wenn wir alle empathische Werte haben und diese leben? Wenn Menschen aus verschiedenen Nationen zusammenkommen, kommen neue Ideen und neue Bilder zusammen. Und dann wird ein Stückchen mehr Freude geteilt und mit jedem gemeinsamen Lachen, wird die Welt ein bisschen friedlicher.

2 Gedanken zu „Ich bin weiß, du nicht – na und?!“

  1. „Ein Kind aus Indien, ein Kind aus Deutschland und ein Kind aus Afrika drücken ihre Hand in Lehm. Nun sage mir, welche Hand ist von wem?“
    Danke liebe Cara, für das sensible Teilen dieses Themas!
    Liebste Grüße
    Helene

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s