Ein Monat zu Hause

Es prallen Welten aufeinander. Plötzlich wieder dort zu sein, wo eigentlich dein Zuhause ist, aber trotzdem ist alles anders – ich bin anders.

Ankommen

Alles war zunächst überwältigend. Ich habe mir einen ganzen Tag gegeben, an dem ich nur in unserem Haus bin und mich wieder an diese vier Wände gewöhne. An Kleinigkeiten wie ein Zimmer nur für mich, ein Kleiderschrank bis obenhin gefüllt, eine Kaffeemaschine mit köstlichem Kaffee auf Knopfdruck, Toilettenpapier, kein Surren vom Ventilator an der Decke, Ruhe, … Diese Liste könnte ich wohl noch unendlich weiterführen.

Einen Tag später hatte ich dann die Fahrradfahrt meines Lebens. Man kann mir ja kaum absprechen, dass ich viel Fahrrad gefahren bin in Indien. Aber diese Fahrt erschien mir schwerer als jeder Fahrradausflug des letzten Jahres. Automatisch zog mich mein Gefühl immer an die linke Seite der Straße und meine Augen konnten sich nicht entscheiden, wo sie hinschauen sollen. Ich musste alles genau betrachten von Häuser über Autos und Menschen. Alles wirkte fremd, aber war natürlich sehr vertraut.

Bei manchen Sachen streikte mein Körper noch; ich kann nicht ohne irgendwelche Geräusche einschlafen, mein Bauch wundert sich über das Essen und viele Sachen versetzen mich noch in Staunen. Aber das ist alles normal und nichts ungewöhnliches. Denn sind wir mal ehrlich – ich habe 18 Jahre in Deutschland gelebt und das ist meine Heimat, in Indien war ich nur 1 Jahr.

Es war mir aber jedes Mal wieder eine Freude ein Stückchen Indien weiterzugeben. So habe ich zum Beispiel meiner Oma einen Saree mitgebracht und sie eingekleidet.

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Auch einen Chai haben wir zusammen gekocht und haben so die Ruhe und Gelassenheit von Indien ein wenig auch in Deutschland schmecken können.

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Meine besten Freundinnen Clara und Sarah haben zudem einen kleinen Kochabend in trauter Runde organisiert, wo Benni und ich in ferne kulinarische Welten entführen sollten. Benni und ich sind ja zusammen gestartet und haben nun ein wenig Bolivien und Indien mit zurückgebracht.

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…und natürlich war es insgesamt einfach heimelig Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen – und dabei zu wertschätzen, was sie mir alle für eine unglaubliche Stütze in dem Jahr waren!

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Was bleibt…

Was bleibt? Ich glaube, der Umfang ist mir noch nicht bewusst. Ich habe so viel mitgenommen; ich habe unbeschreibliche Menschen getroffen, Dinge erlebt und gesehen, die ich mir nie hätte vorstellen können und einfach jeden Tag dazu gelernt. Wie könnte mir da jetzt bewusst sein, was mich noch alles begleiten wird..?

Manche Dinge fallen mir aber schon auf. Ich denke, dass ich wenigstens ein kleines Stückchen der Gelassenheit und Ruhe, die ich in Indien bei allem hatte, beibehalten kann. Ich wertschätze Waschmaschine, Geschirrspüler oder Staubsauger. Ich habe ein besseres Bewusstsein für unsere Ressourcen und frage mich öfter: brauche ich das? Ist das notwendig? Und ich kann immer im Hinterkopf behalten, dass ich ganz problemlos auch minimalistisch leben kann, denn in Indien – war das auch nie ein Problem für mich!

Es bleiben wundervolle Menschen, die mich ein Jahr begleitet haben; die mich ein Jahr geprägt haben; durch die ich gelernt habe; die sich mit mir entwickelt haben; mit denen ich alles geteilt habe. Wir haben eine immer besondere Verbindung.

Und die wird sicherlich auch durch die Erfahrung bleiben, obwohl wir uns sicherlich kaum sehen werden, aufgrund von Distanz und Alltag. Trotzdem hatte ich das Glück schon zwei tollen Menschen wieder zu begegnen!

Wieske, die uns schon im Februar verlassen musste, habe ich in Amsterdam gesehen.

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Justus habe ich in Tübingen besucht, da dort auch mein Abschlussgespräch stattfand.

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Es ist beruhigend zu merken: an unserer Beziehung ändert sich trotz Entfernung und Zeit nichts. Und auch mit den anderen telefoniere ich von Zeit zu Zeit und die nächsten Begegnungen sind in Sicht.

Es bleiben aber vor allem all jene süßen Erinnerungen an die Kinder. Das Wissen, dass diese kleine Menschen teilweise so unvorstellbar grausame Dinge erleben mussten, die ich wohl mein Leben lang nie ertragen muss. Und wie wertvoll das für mich ist. Nun auch meine Gewissheit: effektiv gebraucht wurde ich dort nicht. Die Projekte um Navajeevan laufen auch bestens ohne Freiwillige. Aber es war gut, dass ich da war. Denn Freiwillige können den Kindern ganz andere Sachen geben. Einfach für sie da sein, ihnen zuhören, ihnen Nähe und Liebe schenken und den individuellen Blick fördern. Sachen, die die Mitarbeit vor Ort aufgrund belastender Arbeitskonditionen nicht immer können und wofür ihnen auch oftmals die Kraft fehlt. Wir brachten einen Ausgleich und Neues. Deswegen ist die Arbeit vor Ort und die Arbeit vom BDKJ und weltwärts unfassbar wichtig.

Ich würde es jederzeit wieder machen, das steht außer Frage!

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Ich kann überhaupt nicht aufzählen, was ich alles für Schätze mitgenommen habe, aber wenn mir in Indien oder Deutschland jemand für meinen Dienst dankte, kann ich immer nur sagen: mir wurde durch Indien so viel mehr geschenkt, als ich jemals hätte geben oder helfen können.

Dem Großteil der Welt geht es schlechter als mir. Auch wenn ich das dank Zahlen und Statistiken schon vorher wusste, habe ich es nun zum Teil tatsächlich erlebt und mit eigenen Augen gesehen. 

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Wenn man sich fragt, womit man es verdient hat im reichen und privilegierten Deutschland zu leben, kommt man schnell drauf: hat man nicht.

Man kann nur das Beste daraus machen; helfen und Freude verbreiten

 

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