Ich bin weiß, du nicht – na und?!

Klingt unverblümt – ist es auch. Allerdings ist das ein Thema, das in meinem Dienst offensichtlich präsent ist, mir ständig begegnet und mich deswegen dafür schon sehr sensibilisiert hat. Ich möchte meine Erfahrungen und Gedanken zu einem Thema teilen, das vielleicht etwas kontroverser ist, als nur meine Schilderungen von einer Reise oder dem Verkehr.

„Ich bin weiß“ ist sozusagen die kurze Form zu sagen, dass meine Hautfarbe aufgrund meiner Eltern und derer Eltern und der europäischen Ethnologie, nun weiß ist. Und weiß auch nur im Sinne von „weiß am nächsten“ im Vergleich aller Hautfarben der Welt.

Aber ich bin nicht hergekommen, um zu sagen „ich bin weiß“. Für mich hat das natürlich nie eine Rolle gespielt im Bezug auf meinen Umgang mit meinen Mitmenschen, nicht nur weil das ein Prinzip von Entwicklungsdienst ist, sondern auch einfach weil das eine menschliche Einstellung ist und auf Moral hinweist. Diese Auffasung sollte für jeden das normalste der Welt sein.

Stattdessen wurde mir ständig gesagt oder zu verstehen gegeben: „du bist weiß, ich bin nur schwarz“. Anfangs hat mich das geschockt, betrübt und total verunsichert. Was sage ich jetzt? Sind die Kinder deswegen eingeschüchtert oder erwarten sie jetzt etwas von mir? Wieso werten sie ihre Hautfarbe so ab? Was fange ich mit der Aussage an? Ich habe dieses Thema einfach immer etwas klein gemacht. Manchmal habe ich gesagt: „you are Black but both human“ (du bist schwarz aber wir sind beide Menschen) oder ich habe einfach nur gesagt, dass das keine Rolle spielt für uns.

Oft sind auch Kinder (aber auch genauso Erwachsene!) zu mir gekommen und haben mich gebeten, ihnen was von meiner weißen Hautfarbe abzugeben. Verunsichert wie ich war, habe ich entweder nur gelacht oder mit einem magischen Trick unsere Arme aneinander gehalten, „wuuuuuuusch“ gesagt und ihnen damit weiße Farbe abgegeben. Mittlerweile sage ich ihnen oft einfach nur, dass ich sie doch auch schön finde – mit ihrer Haut, ihren Haaren und ihrem Gesicht. Anfänglich betrübte es mich auch, dass viele Menschen hier versuchen „weißer“ zu erscheinen, indem sie sich Puder ins Gesicht schmieren, Gesichtscremes mit Bleiche nutzen, weißende Handyfilter verwenden oder sich sogar medizinischen Eingriffen unterziehen. Im Endeffekt das Pendant zu Sonnenstudios bei uns.

Viele sind auch absolut fasziniert von meinen Haaren und vor allem von meinen Augen. Manchmal kommen einfach Leute zu mir und sagen „du hast blaue Augen, das ist wunderschön“. Dann bedanke ich mich anständig und sage ihnen etwas, das mir bei ihnen als besonders schön aufgefallen ist. Denn die Leute hier sind genauso wunderschön. Und trotzdem glaube ich, dass das den meisten nicht klar ist. Natürlich wie bei uns auch. Es werden einfach insgesamt zu wenig Komplimente vergeben. Kaum jemand spricht es aus, wenn er jemand anderen schön findet. Viel zu groß ist die innere Überwindung. Aber hier habe ich auch zunehmend das Gefühl, dass der Großteil gar nicht mal mehr eine Chance hat, Eindruck zu machen, weil es zu viele Menschen gibt. Das Individuum geht in dieser Masse verloren. Indien hat über 1,3 Milliarden Menschen und ist damit knapp hinter China das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt. Nach den beiden Ländern kommt erstmal eine Weile nichts bis zu den USA (~327 Mio. Einwohner). Die Bevölkerungsdichte in Indien ist rund doppelt so hoch wie in Deutschland. Der Einzelne geht gefühlt unter.

In dieser Masse sticht „der Weiße“ heraus. Ich werde regelmäßig auf der Straße angesprochen, wo ich herkomme und ob wir nicht ein Selfie zusammen machen können. Ich weiß, dass sie das fragen, weil ich weiß bin. Bei der Post werde ich direkt durchgewunken zum Chef, der sich persönlich um mich kümmert und mir erzählt, dass er auch schon mal in Frankfurt war. Ich weiß, dass er das macht, weil ich weiß bin. Beim Arzt, musste ich noch nie länger als 5 min warten, ich war immer sofort dran, obwohl mind. noch 20 andere Menschen im Wartezimmer saßen. Ich weiß, dass sie das machen, weil ich weiß bin. – Das ist positiver Rassismus. Für mich hat es oftmals positive Auswirkungen, aber am Ende werde ich nur aufgrund meines Aussehens auf eine bestimmte – bessere – Weise behandelt. Das ist keine Gerechtigkeit.

Und am Ende werde auch ich immer noch auf Klischees reduziert. Natürlich muss ich aus Amerika kommen, weil ich weiß bin. Natürlich zahle ich den dreifachen Rikscha-Preis, weil ich weiß bin. Natürlich werde ich von bestimmte Leuten gezielt nach Geld gefragt, weil ich weiß bin. Denn Weiße haben Geld. Es ist manchmal ernüchternd dagegen anzukämpfen, aber es ist keine Aufgabe, die mich müde werden lässt. Es ist eine neue Aufgabe und Herausforderung, über mich selbst mit meiner Hautfarbe nachzudenken; wie ich damit umgehe, wie ich andere Hautfarben sehe und was das mit mir und den Menschen in meiner Umgebung macht, wie meine Einstellung sich nicht ändern sollte und wie sich oftmals das Verhalten meines Gegenübers ändert.

Im Endeffekt bin ich hier, um Brücken zu bauen und das passiert, indem man zeigt, was man gemein hat und dass wir alle Menschen dieser Erde sind. Denn bis mich nicht wieder jemand drauf hinweist, vergesse ich immer und immer wieder, dass ich nicht die selbe Hautfarbe habe, wie alle um mich herum. Was spielt Hautfarbe für eine Rolle, wenn wir alle empathische Werte haben und diese leben? Wenn Menschen aus verschiedenen Nationen zusammenkommen, kommen neue Ideen und neue Bilder zusammen. Und dann wird ein Stückchen mehr Freude geteilt und mit jedem gemeinsamen Lachen, wird die Welt ein bisschen friedlicher.

Familienurlaub im Norden Indiens

Nachdem es für uns mit dem Flugzeug nach Delhi ging, begann ein Urlaub, den wir so bisher nie hatten. Da wir zum ersten Mal in unserer Familienurlaub-Geschichte die Reise durch eine Agentur haben buchen lassen, wurde uns jegliche Verantwortung abgenommen. Am Flughafen wurden wir direkt abgeholt und mit einem Kleinbus, der nur für uns vier bestimmt war, ins Hotel gefahren. Dieser Kleinbus hat uns die ganze Zeit überall hingefahren und stand ständig für uns bereit – inklusive Fahrer versteht sich.

Ich hatte den Luxusurlaub meines Lebens. Ich glaube zwar, dass ich alles verstärkt als Luxus wahrgenommen habe, weil ich die 9 Monate davor in recht einfach Verhältnissen lebte. Aber wir waren schon wirklich überall mit unglaublichen Hotels gesegnet.

Das war für mich eine Umstellung, die mir am Anfang sehr schwer fiel, da ich immer versuche wie die Kinder im Projekt zu leben. Trotzdem eine Umstellung, an die ich mich aber schnell gewöhnte. Was mich allerdings bis zum letzten Tag immer wieder fertig gemacht hat, war die Tatsache, dass ich selbst entscheiden konnte, was ich esse, welche Temperatur mein Wasser beim Duschen hat und vor allem welche Temperatur meine Umgebung hat. Am herausforderndsten war es, wenn es im Hotel sowohl Klimaanlage als auch Ventilator gab. Bis dahin habe ich überall nur mit Ventilator gewohnt und habe gehofft, dass ich dadurch ein wenig kühlenden Wind erhaschen kann. Maximal in öffentlichen Einrichtungen wie beim Geldautomaten oder im Supermarkt gab es eine Klimaanlage, die ein wenig Abkühlung verschaffte. Aber hier hatte ich plötzlich beides und vor allem selbst die Macht über die Klimaanlage – komplette Überforderung!

Es ist definitiv was anderes als Tourist durch Indien zu laufen und nicht Volunteer in einer NGO zu sein. Aber es war ein wunderschöner Urlaub und eine interessante Erfahrung Indien aus einem anderen Blickwinkel zu erleben.

Unsere Reiseroute wurde durch unsere Reiseagentur festgelegt und beinhaltet ein abwechslungsreiches Programm.

An jedem Ort wurden wir von einem lokalen Reiseführer herumgeführt. Hauptsächlich besuchten wir Burgen und Paläste aus der Zeit der Maharajah. Ich möchte meine Eindrücke vor allem mit Hilfe von Bildern teilen.

Delhi

Rikscha-Fahrt durch die Straßen Delhis
Quatab Minar

Denkmal für Mahatma Ghandi, Ort seiner Verbrennung

Agra

Eingangstor zum Taj Mahal

Wir waren am Abend zum Sonnenuntergang dort und so hatten wir das Glück ein paar wunderschöne Eindrücke mit der untergehenden Sonne zu genießen

Taj Mahal – ein Weltwunder. Ich muss sagen, dass ich es wirklich beeindruckend dort fand. Die Atmosphäre war entspannend für mich aufgrund des ganzen Marmors und dieser großen aber doch fast noch schlichten Wände. Für mich war die ganze Symmetrie an diesem Ort wunderschön und alles hat seinen Platz und seine Bedeutung. Das ist für mich beruhigend und ästhetisch. Denn am ganzen Taj Mahal gibt es lediglich zwei Dinge, die nicht symmetrisch sind. Trotzdem ist es für mich am Ende nur ein Gebäude. Klar, auf jeden Fall ein beeindruckendes Gebäude, aber im Endeffekt bin ich eher jemand, den Sachen, die mit Menschen zu tun haben, viel mehr berühren. Aber es ist ein Besuch wert!

Red Fort

Fatehpur Sikri

Ranthambore

Im Nationalpark Ranthambore waren für uns zwei Safaris vorgesehen. Einem am Morgen und eine weitere am Nachmittag. Der Nationalpark ist in mehrere Zonen eingeteilt und das Highlight ist es, wenn man einen Tiger zu Gesicht bekommt. Auf unserer ersten Safari saßen wir im Jeep mit einem Ehepaar, dessen sechste Safaris das bereits ist und die bis dato noch keinen Tiger gesehen hatten. Die Sterne standen anscheinend gut für uns, denn auf unserer Morgen-Safari sahen wir einen und auf unserer Nachmittag-Safari zwei Tiger. Alle waren super aufgeregt!

Bundi

Udaipur

Silawatwari

Girwa
Ausblick vom Hotel auf den Pichola-See

Jaipur

Palast der Winde

Devisinghpura

Ende der Reise

Damit jeder wieder zu seinem Wohnort kommt, sind wir zum Ende nochmal nach Delhi gefahren und meine Eltern und mein Bruder sind nach Frankfurt und ich zurück nach Vijayawada geflogen.

Der Urlaub war toll. Zum einen war ich froh endlich mal alle wichtigen Bauwerke im bekanntesten Bundesstaat Rajasthan kennenzulernen. Aber vor allem war es wundervoll meine Familie wiederzusehen und ihnen meine Welt hier ein bisschen näher zu bringen. Es war interessant zu bemerken, wie unterschiedlich ich auf manche Dinge reagiere bzw. in bestimmten Situationen agiere, als meine Familie. Dabei meine ich vor allem die Preise in Restaurants oder Essenständen und auch was ist jetzt eher als höflich und was als unhöflich angesehen wird.

Ich bin auf jeden Fall unfassbar froh und dankbar, dass es geklappt hat und sie mich hier besuchen konnten. Und nun ist es ja auch gar nicht so lange bis wir uns schon wieder sehen.

Meine Familie in Vijayawada

Am Donnerstag war es endlich soweit! Seit ich hier bin, war das auf jeden Fall schon immer ein Punkt, auf den ich hinfiebere. Immer ein Datum in meinem Kopf, das irgendwie eine Art Höhepunkt oder Wendepunkt in meinem Dienst bedeutet. Und dann war es soweit und ich machte mich (natürlich verspätet) mit dem Fahrer von Navajeevan und dem Jeep auf zum Flughafen, um meine Familie abzuholen, nach 9 Monaten wiederzusehen und sie in meine neue Welt eintauchen zu lassen.

In dem Moment, in dem ich sie in die Arme schloss, konnte ich nicht aufhören zu grinsen und meine Eltern waren, glaube ich, einfach nur erleichtert mich lebend wiederzusehen.

Leider waren für Vijayawada nur zwei volle Tage möglich gewesen in der Planung, sodass ich ihnen ein sehr straffes Programm vorsetzte. Aber sie nahmen alles hin wie es kam, verließen sich zu 100% auf mich und haben alles mitgemacht. Das fand ich wirklich toll und da war ich ihnen sehr dankbar! Meine Mama bestand sogar darauf in genau der selben Kleidung herumzulaufen wie ich. So hatte ich ihr vorab Punjabis und Chunnis organisiert.

Wir haben am Freitagvormittag neben einigen Projekten auch meine Freundin Nalini besucht. Mit Nalini verstehe ich mich schon seit einer ganzen Weile richtig gut! Sie war meine Kollegin als ich noch in der R.C.M. School unterrichtet habe. Mit ihren Kindern hatte ich von Anfang an eine innige Verbindung und Nalini ist der größte Segen, den ich mir hier wünschen könnte! Sie hört mir zu, erklärt mir alles, was ich nicht nachvollziehen kann, hilft mir wo sie kann, kümmert sich um mich und in ihrer Gegenwart kann ich mich einfach wohl fühlen und ihr vertrauen. Deswegen stand es außer Frage, dass meine Familie sie auch kennenlernen muss. Natürlich hatte Nalini für uns gekocht und ich war so froh, dass sich alle so gut verstanden. Am Ende hat es sich Nalini natürlich auch nicht nehmen lassen und meiner Mama einen Saree geschenkt.

Am Nachmittag sind wir zur Karfreitagsandacht ins Chiguru gefahren. Alle Mitarbeiter und natürlich die Kids sind den Kreuzweg Jesu nachgelaufen – und wir natürlich mit! Obwohl wir kein Wort verstanden haben, war es sehr bewegend. Nur während des anschließenden zweistündigen Gottesdienstes sind Mama und Josef immer mal weggenickt 😀 Ich bin an stundenlange Veranstaltungen auf Telugu schon voll gewöhnt.

Meine Familie wurde wundervoll begrüßt und die Kids haben sie sofort in ihre Mitte genommen.

Nach einer Nacht im Chiguru haben wir dann am Samstag noch das BVK besucht, wo ich die ersten 6 Monate arbeitete und meine Mama hat nach lang ersehnter Zeit ihr erstes Mehndi bekommen.

Nach einer aufregenden Busfahrt für meine Eltern ging es dann am Nachmittag endlich shoppen! Über Sarees, Mehndi (Henna-Farbe), Bindis (der berühmte indische Punkt) und Stoffe hat meine Mama nichts ausgelassen. Und auch mein Papa und mein Bruder haben ihre ersten maßgeschneiderten Hemden bekommen und natürlich Chai genossen.

Samstagabend haben wir den Aufenthalt in Vijayawada mit einem Restaurantbesuch im Kreise der ganzen Volo-Familie beendet und Mama konnte den Saree von Nalini ausführen.

Besonders schön war es für mich auch, dass meine Eltern das richtige flat-Leben erfahren konnten. Da sie und Josef dank meiner Mitfreiwilligen Tabea genug Platz hatten, konnten sie Tür an Tür mit mir schlafen und für zwei Nächte so wohnen wie ich es seit neun Monate schon tue. Außerdem haben sie die Volo-Familie kennen und lieben gelernt und erlebt, wie wir unsere ganz besondere Atmosphäre hier leben.

Auf dem Flug nach Delhi fragte ich meinen Papa, was er aus Vijayawada im Gedächtnis behält. Er sagt, er wäre gerne länger da geblieben und ist einfach beeindruckt wie wir das Leben hier leben. Und ich denke, das wird genau das sein, was es zusammenfasst, wie sehr ich alles hier vermissen werde, wenn ich in nicht mal mehr drei Monaten Indien verlassen muss.

Dann ging es weiter nach Delhi…

Warum ich finde, dass die Inder besonders freundlich sind

Vielleicht hatte ich es das ein oder andere Mal schon angedeutet, aber ich persönlich nehme die Inder als ganz besonders freundlich und liebevoll im Umgang mit mir wahr. Dies ist, denke ich, auch ein bedeutender Punkt, der mich hier unglaublich wohl fühlen lässt! Deswegen möchte ich meine Erfahrungen dazu ein bisschen genauer erläutern.

Als ich im August ankam, war noch Regenzeit. Nachdem ich meine indische SIM-Karte erhielt, erreichten mich auch immer einige SMS von meiner Telefongesellschaft BSNL. Besonders eine immer wieder versendete Nachricht hatte meine Aufmerksamkeit. Denn vor jedem Regenerguss schickte mir BSNL eine Warnung mit dem Aufruf mich an einem sicheren Ort aufzuhalten, um nicht zu Schaden zu kommen. Sicherlich klingt das ein wenig banal, aber für mich ist das ein beruhigendes Gefühl gewesen, dass es diese Telefongesellschaft so kümmert, dass ihre Kunden durch den Regen nicht zu Schaden kommen. Ich habe mich immer gefreut und war dankbar, dass es jemanden interessiert (auch wenn es nur eine indische Telefongesellschaft ist), dass ich sicher bei Regen und Sturm bin.

Eine weitere Sache, die mir von Zeit zu Zeit mal aufgefallen ist und die auch damit einhergeht, dass die Inder einen immer in Sicherheit wissen wollen, ist, dass man nie allein sein sollte. Wenn ich erzähle, dass ich irgendwo hingehe, kommt sicherlich die Frage, wer denn mitkommt. Und wenn sie hören, dass ich irgendwo allein hingegangen bin, dann sind sie ganz verwundert und erschrocken. Einmal bestand beispielsweise eine ältere Frau vehement darauf, dass sie mich über die Straße begleitet. Klar, es gab keine Ampel, geschweige denn Zebrastreifen und die Straße war auch mehrspurig, aber ich hatte davor auch schon des öfteren mal eine Straße überquert, ich war kein Anfänger mehr 😀 Dieser Frau war es jedenfalls extrem wichtig, dass sie auf mich aufpasst und schaut, dass ich sicher auf der anderen Seite ankomme und hat mich dort dann noch gesegnet. Solche Momente erwärmen immer mein Herz. Ähnlich war es als ich mal nach meiner Arbeit mit dem Bus zurückgefahren bin, weil ich einen Saree trug und Fahrrad und Saree habe ich einmal probiert und danach nie wieder 😉 Eine ganze Horde meiner Schülerinnen hat ebenfalls an der Bushaltestelle gewartet und nach und nach kam ihr jeweiliger Bus bis ich fast die letzte war (wann der Bus kommt ist immer mehr wie eine Überraschung) Ein weiterer Bus rollte vor, in den eigentlich eine meiner Schülerinnen einsteigen musste, aber sie hat mich ganz betroffen gefragt, ob sie da jetzt wirklich einsteigen kann. Ich fragte, wieso denn nicht? Naja, ich wäre ja dann allein! Ich musste sie dann sehr sehr schnell überreden doch noch in den Bus zu steigen und dass ich das hier alleine auch schaffen werde.

Die Inder haben es bisher auf jeden Fall immer geschafft, dass ich mich sicher fühle. Insgesamt auf jeden Fall sicherer als auf den Straßen Halles.

Eine weitere Situation, in der ich immer wieder die Fürsorge und Freundlichkeit der Inder erlebe, ist beim Essen. Es wird immer sehr, sehr stark darauf geachtet, dass jeder genug zu essen hat! Hier wird man auch öfter gefragt, ob man gegessen hat und weniger kommt die Frage, ob es einem gut geht. Denn im Endeffekt bedeutet es ja, dass es einem gut geht, wenn man gegessen hat. Also „Had your breakfast?“ – „Had your Lunch?“ – „Had your Dinner?“ ist je nach Tageszeit immer die erste Frage und glaube ich auch die Frage, die mir am meisten gestellt wurde seitdem ich hier bin. Am Anfang war es befremdlich, mittlerweile finde ich es richtig herzlich! Klar, jeder ist glücklich, wenn er was gegessen hat und wenn für das leibliche Wohl gesorgt wurde, dann geht’s einem auch gut. Wenn ich es allerdings mal gewagt habe und mit „nein“ geantwortet habe, dann war aber was los. Zunächst kommt dann immer erstmal „Why? Why?“ Warum um alles in der Welt habe ich noch kein Mittagessen gehabt? Und wenn das geklärt ist, dann wird aus allen Ecken erstmal was zu essen aufgetrieben, ob ich das nun will oder auch nicht – spielt keine Rolle! An jeder Ecke kann man ja Kekse kaufen oder jemand hat Snacks dabei oder von einem Straßenstand bekomme ich meine Mahlzeit. Hauptsache ich habe gegessen. Beispielsweise gab es in der Schule, in der ich arbeitete, immer eine Snack-Pause, in der die Kids ihre Chipstüten und Kekspackungen ausgepackt haben.

Ich hatte nie einen Snack dabei, so gaben mir die Lehrerinnen immer etwas ab und es ging irgendwann soweit, dass eine Lehrerin immer eine extra Kekspackung auch nur für mich dabei hatte. Ich habe versucht es abzulehnen, aber keine Chance. Denn das ist ein weiterer Punkt: wenn man versucht etwas abzulehnen, was einem angeboten wird, dann wird das erstmal nicht akzeptiert. Du musst schon zehntausendmal Nein gesagt haben, deine Hand über den Teller halten und sagen, dass du wirklich satt bist. Dann hast du vielleicht eine Chance, dass du nicht noch eine vierte Portion bekommst. Sie wollen zu 100% sicher sein, dass du auch was gegessen hast.

Um auch wirklich sicher zu gehen, dass jeder isst, habe ich schon öfter noch etwas beobachten können. Wir essen ja unser Essen einfach mit der Hand, also ohne Besteck, und so ist es ganz einfach den anderen zu füttern. Wenn jemand beispielsweise etwas zu tun hat und die rechte Hand dabeinnicht sauber ist, dann sorgt jemand anderes dafür, dass der andere auch gegessen hat. Eine Hand für sich selbst und eine Hand für den nächsten. Hauptsache jeder hat Essen. Ähnlich sieht es beim Trinken aus. Egal ob Glas oder Flasche, die Inder setzen beim Trinken nicht an ihre Lippen an. Sie schütten sich das Wasser sozusagen einfach in den Rachen. Das hat den einfachen Vorteil, dass jeder aus der selben Flasche oder dem selben Becher trinken kann. Es ist nahezu genial! Auf einem Tisch steht dann einfach eine große Wasserflasche, die von jedem genutzt wird. Und an Wasserspendern steht einfach nur ein Becher daneben und jeder bedient sich. Solche Aussagen aus Deutschland wie „Neeee, du trinkst nicht aus meiner Flasche, ich will nicht, dass du die vollsabberst“ gibt es hier nicht. Es wird geteilt ohne wenn und aber. Und auch beim Trinken füttert man den anderen sozusagen, indem man ihm das Wasser in den Mund kippt. Das ist besonders bei den kleinen Kindern immer von Vorteil.

Ein Satz, den ich außerdem verhältnismäßig oft höre, ist: „take Rest, take Rest“, also dass ich mich gefälligst ausruhen soll. Ich sollte mich auf keinen Fall überanstrengen und nach dem Mittagessen erstmal zu schlafen, wird vor allem jetzt da es Sommer wird, immer wichtiger.

Besonders bei den Urlaubsvorbereitungen ist mir noch etwas aufgefallen: die Gastfreundschaft der Inder ist unglaublich! Es wird niemals abgelehnt, wenn jemand einen Schlafplatz braucht, auch nicht, wenn eigentlich wirklich kein Platz ist. Eine Familie, die ich kenne, hat lediglich einen Raum, in dem sie leben und dort schlafen sie auch alle zu viert in einem Bett. Trotzdem stand es außer Frage, dass sie noch den Sohn einer Bekannten aufnehmen, der einen Ort zum Bleiben brauchte. Irgendwie geht es ja immer! Und bei der Urlaubsplanung fand ich es wahnsinnig beeindruckend, dass wir in jeder Stadt irgendwo untergekommen sind bei Menschen, die man um fünf Ecken kannte. Also eigentlich kannten wir sie nicht. Aber die Schwester von der einen Arbeitskollegin hat da Bekannte und die kann man ja mal fragen. Kein Problem. Es wird immer arrangiert, dass man unterkommt und dass es einem dort gut geht. Natürlich auch mit ausgiebigen Mahlzeiten – selbstverständlich!

Diese Familie hat uns nicht nur in ihrem komplett neu renovierten Haus wohnen lassen, sondern hat uns auch die Stadt gezeigt und abends für uns gekocht.

Ich war immer und immer wieder beeindruckt, wie sehr die Inder schauen, dass es dem anderen gut geht. Vielleicht ist Freundlichkeit ein gutes Wort dafür, aber voll und ganz zutreffend ist auf jeden Fall: Fürsorglichkeit. Diese Fürsorge hat mich hier auch niemals einsam fühlen lassen, geschweige denn unsicher. Dafür bin ich sehr dankbar und habe nur das Problem, dass ich gefühlt nie richtig ausdrücken kann, wie sehr ich das alles wertschätze.

Unser Wochenendausflug nach Araku

Nach dem Volunteers‘ Meeting hatten wir noch einen Wochenendausflug nach Araku geplant. Zum einen lag unser letzter gemeinsamer Ausflug schon eine Weile zurück und zum anderen hatte uns Markus diesen Ort sehr empfohlen bevor er zurück nach Österreich geflogen ist. Dabei war es dann natürlich auch nur naheliegend, dass die Hyderabad Freiwilligen auch mitkommen und wir noch eine entspannte Zeit zusammen verbringen können.

Nachdem das Meeting am Sonntagabend bei einem gemeinsamen Essen beendet war, konnten wir noch eine Nacht in Vizag bei Navajeevan verbringen bevor es am Montag zu früher Morgenstund mit dem Zug weiterging. Während die vier Jungs im Projekt Shelter unterkamen, wurden wir zehn Mädchen ein paar Straßen weiter in einen anderen Haus untergebracht.

Dann fanden wir uns in einem einfachen Zimmer mit zwei Betten und einem Bad wieder. Ich habe da wieder gemerkt, dass ich wirklich schon eine Weile in Indien lebe. Zunächst war nicht klar, ob uns nur dieses eine Zimmer für alle zehn Mädchen zur Verfügung steht. Trotzdem haben alle schon gesagt: naja, selbst wenn, das ist kein Problem, wir bekommen das schon irgendwie hin.

Ja, das bekommen wir schon irgendwie hin. So ist das hier immer und ich genieße es sehr! Irgendwie geht es immer gut aus und darauf kann man sich immer verlassen, ganz gleich in welcher Situation.

Am Ende haben drei von uns auf dem Boden des Balkons geschlafen und zwei auf dem Boden im Flur. Im Zimmer selbst haben wir einfach eine Matratze auf den Boden gelegt, sodass einer auf dem holz des Bettgestells schlafen konnte, zwei haben auf der Matratze auf dem Boden gekuschelt und zwei hatten eine kuschelige Nacht auf dem zweiten Bett. Alles kein Problem.

Am Montagmorgen haben wir die Jungs dann wiedergetroffen, die letzte Nacht etwas weniger gekuschelt hatten als wir und sind in den Zug gestiegen. Schon während der Zugfahrt haben sich riesige Täler und Waldflächen vor uns aufgetan, was wir so aus Indien eher weniger kannten.

Araku ist vor allem auch ein Urlaubsort für Inder. Wir waren also dieses Mal endlich nicht mit allen anderen Ausländern die Touristen, sondern mit den anderen Indern. Nachdem wir unser Hotel gefunden hatten (dieses Mal nur vier Leute auf drei Schlafplätze – ja, den Luxus gönnen wir uns manchmal) und uns noch ein spätes Mittagessen genehmigten (der Zug hatte natürlich Verspätung), haben wir das Kaffeemuseum besucht.

Neben einer Einführung über Kaffee, waren wir vor allem nach so langer Zeit endlich mal wieder an richtigen Kaffee interessiert! Der gewöhnliche Kaffee der Inder besteht hauptsächlich aus Milch und Zucker und mit ein wenig Kaffeepulver hineingeschüttet. Ich akzeptiere das nicht wirklich als Kaffee und so bestanden vor allem alle Kaffeeliebhaber darauf, an diesem Ort ein wenig länger zu bleiben.

Den Abend haben wir entspannt mit guten Gesprächen, Henna malen und Gitarrenspiel und den klassischen Volo-Hits ausklingen lassen. (Wenn ihr mal „Vo Mellau bis ge Schoppornou“ googlet, dann wisst ihr, was ich hier für einen Kulturschock der deutschen Sprache erlebe)

Am Dienstag haben wir dann die Höhlen besucht. Der Father, der Direktor von Navajeevan ist, hatte uns schon davor gesagt, dass wir unbedingt zu den Höhlen gehen müssen um ihm danach zu berichten, ob die schöner sind als die Höhlen in Deutschland und Österreich. Nach einer abenteuerlichen Busfahrt fanden wir uns dann in irgendwelchen Bergen wieder. Die Höhlen waren tatsächlich überraschend sehenswert, aber für mich persönlich eigentlich nur, weil ich sowas an diesem Ort einfach nicht erwartet hätte. Die Höhle war doch größer als gedacht und überall mit bunten Lichtern bestrahlt. Die bunten Lichtern haben mich dann auch immer wieder daran erinnert, dass ich noch in Indien bin. Und auch die Tatsache, dass die coolen Bauarbeiterhelme und Taschenlampen, die man in den Rübeländer Höhlen im Harz bekommt, gefehlt haben.

Bevor wir wieder in den Zug nach Hause steigen mussten, sind wir noch ein trockenes Flussbett entlang gestiefelt und haben einen ruhigen und schönen Platz gefunden, um den kurzen Ausflug ausklingen zu lassen.

Der Plan für die Rückfahrt war eigentlich, dass wir einen Zug zurück nach Vizag nehmen, dort vier Stunden Zeit für ein nettes Abendessen haben und dann über Nacht zurück nach Vijayawada fahren.

In den Nachtzügen hat jeder ein Bett. Der Flo passt in Seins aber nicht ganz rein 😉

Naja mit Plänen kann man es hier eigentlich auch lassen. Der Zug nach Vizag hatte so viel Verspätung, dass wir 5 min Zeit hatten zu unserem Vijayawada-Zug zu sprinten. Die Hyderabad-Freiwilligen hatten ihren Zug mittlerweile schon verpasst. So haben sie spontan die Entscheidung getroffen, erstmal mit uns nach Vijayawada zu kommen. Damit hatten wir allerdings zu wenig Betten auf zu viele Leute. Also habe ich eine Erfahrung mehr gemacht, nämlich ein Bett im indischen Zug mit zwei Leuten zu besetzen. Es war – naja – eng. Aber es ging natürlich alles irgendwie.

Unsere Vijayawada-Hyderabad-Volo-Gruppe

Es war dann aber auch wieder schön durch die Straßen Vijayawadas zu laufen und dann nach dem aufregenden Ausflug auch wieder im Chiguru mit den Kindern Zeit zu verbringen.

Volunteers‘ Meeting in Visakhapatnam

Letztes Wochenende war es wieder soweit: ein Meeting mit den anderen Freiwilligen unserer Provinz stand an. Ende Oktober 2018 hatten wir uns ja bereits in Hyderabad getroffen, um uns auszutauschen und die Navajeevan-Projekte in Hyderabad kennenzulernen. Ungefähr ein halbes Jahr später fand nun das zweite Treffen statt.

Visakhapatnam (kurz: Vizag) liegt im Norden von Andhra Pradesh und ist der dritte Standort neben Hyderabad und Vijayawada, an dem es Navajeevan-Projekte der Salesianer Don Boscos gibt. Zurzeit sind dort keine Freiwilligen, aber trotzdem ist es wichtig, dass wir auch diese Projekte kennenlernen.

So machten wir uns Freitag Mittag auf zum Bahnhof und auf unsere 5-Stunden-Fahrt hat unser Zug noch 2 Stunden Verspätung drauf gepackt. Das ist aber mittlerweile wirklich kein Problem mehr für uns. Zwei Stationen vor Vizag mussten wir aussteigen, da das Projekt etwas außerhalb der Stadt liegt. Am Bahnhof gab es dann eine unfassbare Gegebenheit: wir steigen alle aus und laufen den Bahnsteig entlang. Plötzlich sehe ich im Johnnys Armen einen kleinen Jungen. Moment mal – den kenne ich doch! Kann das wirklich sein? Wir trafen an diesem Bahnhof irgendwo im nirgendwo nach 3 Monaten Kiran wieder. Kiran war einige Zeit im Shelter, wo ich viel mit ihm gespielt und gebastelt habe. Anschließend hat er im Deepa Nivas bei Lilli und Johnny gewohnt und ist von dort aus zur Schule gegangen. Seit Februar war er nicht mehr im Projekt, was uns sehr traurig gemacht hat, weil Kiran immer eine besonders gute Seele war! Lilli, Johnny und ich, die Kiran durch unsere Projekte gut kannten, konnten es nicht fassen! Wieso ist Kiran um diese Uhrzeit alleine irgendwo im nirgendwo so weit weg von Vijayawada? Und wie um alles in der Welt stehen gerade die Sterne, dass wir Kiran genau dort treffen?

Die Abfahrt ins Projekt musste dann auch erstmal warten, denn Johnny, Lilli und ich hatten einige Fragen. Die ganze Situation hat uns extrem mitgenommen. Immer und immer wieder haben wir gefragt, ob es ihm auch wirklich gut geht! Er zeigte uns ein Zugticket zurück nach Vijayawada und meinte, er habe hier nur seinen Bruder besucht. Wir konnten in diesem Moment natürlich auch nicht viel tun außer ihm immer wieder versichern, dass er im Deepa Nivas herzlich willkommen ist, ihn in die Arme schließen und beten, dass es ihm gut gehen wird.

Schweren Herzens sind wir dann irgendwann (nachdem die Hyderabad-Freiwilligen auch schon angekommen waren) ins Projekt gefahren und haben Kiran ein letztes Mal gewunken. Nach einem späten Abendessen sind wir den Kopf voller Gedanken erschöpft ins Bett gefallen.

Der Samstag war voll mit Gesprächen. Der Provinzial der Salesianer Don Boscos, der für die Region Andhra Pradesh und Telangana zuständig ist, reiste an und auch sein Vize war schon da. Die beiden sind wichtige Leute, die viel Verantwortung tragen und ständig unterwegs sind und trotzdem nehmen sie sich für uns immer Zeit und haben ein offenes Ohr. Dabei haben sie eine ruhige, kooperative und verständnisvolle Art und reden mit uns auf Augenhöhe. Das beeindruckt mich jedes Mal wieder stark! Sie haben uns nach unserer Situation im Projekt gefragt, haben mit uns über gute Umgangsformen mit den Kindern geredet und uns jeder eine Art Vortrag gehalten. Dabei sagte der Provinzial beispielsweise, dass er den Ausdruck „Straßenkinder“ für unsere Kids eigentlich eher ablehnt. Sobald sie bei Navajeevan sind, sind sie keine Straßenkinder mehr, sondern haben eine neue Perspektive und neue Zukunftschancen und vor allem: ein Zuhause.

Außerdem nahm er sich die Zeit unsere Fragen zu beantworten. Und davon hatten wir einige. Dinge im Projekt, die wir nicht einordnen können; Gerüchte, bei denen wir gerne die Wahrheit wüssten und Strukturwandel, die auch uns betreffen werden; all das hat uns die letzten Wochen und Monate sehr beschäftigt und es war gut nun Antworten darauf zu bekommen.

Nach dem ernsten und gesprächslastigen Teil ging es dann Samstagnachmittag spaßig weiter. Die Jungs im Projekt haben uns zu einem Volleyballspiel herausgefordert (was wir haushoch verloren haben) und anschließend wurde noch Kabbadi gespielt.

Kabbadi ist mein absolutes Lieblingsspiel. Das Spiel ist so simpel, weil man nichts dafür braucht außer ein Feld staubigen Bodens und sein Team. Es wird viel in den Dörfern Indiens gespielt und ist durch und durch indisches Kulturgut. Mittlerweile ist es von den Hinterhöfen schon auf die professionelle Ebene gewandert und wird teilweise auch außerhalb Indiens gespielt. Es macht so viel Spaß und verbindet einen mit den Kindern durch den ganzen Teamgeist in der Luft! Und weil sie einfach coole Fathers sind, haben der Provinzial und der Vize-Provinzial es sich auch nicht nehmen lassen mit uns und den Kindern mitzuspielen.

Am Abend wurde dann ein riesiges Lagerfeuer organisiert und wir hatten sogar die Möglichkeit Knüppelkuchen zu machen! (Knüppelkuchen = Stockbrot für alle, die den Begriff nicht kennen. Wie ich bemerken musste, stand ich ganz alleine mit „Knüppelkuchen“ da 😦 ) Wir haben Hähnchenspieße gegrillt und uns Burger belegt. Ein echtes Festmahl!

Lagerfeuer Indian Style: riesige trockene Palmenzweige werden aufgestellt und einfach angezündet

Am Sonntag war dann Ausflugstag! Den ganzen Tag sind wir in Vizag herumgefahren, haben die Projekte von Navajeevan besucht, waren am Strand, am Hafen mit Fischmarkt und auf einem Aussichtspunkt.

Außerdem haben wir ein U-Boot Museum und ein Flugzeugmuseum besucht. Als ich durch beide Museen mit Johnny und Tobi an meiner Seite gelaufen bin und ihnen so meine tausend Fragen zu dem ganzen Zeug stellen konnte, hat mich das an meinen Bruder erinnert.

Tobi (sehr ambitioniert sich meinen Fragen zu stellen) und im Hintergrund das U-Boot

Josef muss mir in jedem technischen Museum, in dem wir sind, immer jede kleine und noch so dämliche Frage beantworten. Und auch wenn Johnny und Tobi das super gemacht haben, freu ich mich auf den nächsten Museumsbesuch mit meinem Bruder, bei dem er mir und meinen ganzen Fragen nicht entkommen kann. Am Ende erklärt er es mir nämlich immer noch am besten 🙂

Vor einem Jahr noch hat mir Josef jede technische Kleinigkeit erklärt und bald kann er das auch in Indien machen

Ich finde diese Meetings sehr wichtig! Sie haben einen großen Wert um zu erkennen, was außerhalb unserer eigenen Projekte noch so alles im Namen von Don Bosco und Navajeevan passiert und vor allem wie es passiert. Dass wir in Austausch mit den oberen Instanzen kommen, finde ich sehr ehrenwert und ich bin dankbar, dass auf unsere Meinung Wert gelegt wird. Zudem war es sehr spannend die neuen Freiwilligen aus Hyderabad, die im Februar gekommen sind, kennenzulernen und auch unsere neue Truppe vorzustellen.

Da wir uns ja schon beim letzten Treffen so gut mit den Hyderabad Freiwilligen verstanden haben, war es auch eine einfach Frage, die entschied, dass wir an unser offizielles Meeting noch einen gemeinsamen Wochenendtrip dranhängen.

Was wir hier im Chiguru so machen

Seitdem ich im Chiguru bin, hat sich mein Alltag natürlich komplett verändert. Ich radle jetzt nicht mehr jeden Tag zwei Stunden in der Gegend rum oder schleppe unseren Wassertank hin und her.

Stattdessen schleppe ich heulende Kinder zur Amma, wenn sie sich verletzt haben und renne übers ganze Gelände von der Balika, zur Schule, zum Essen, zur Balika, zum Cottage, zum Spielplatz, zum Essen. Neben den üblichen festen Punkten im Tagesplan gibt es aber auch immer noch andere Kleinigkeiten, die so nebenbei passieren.

Sponsoren

Im Chiguru kommen so viele Sponsoren wie in sonst keinem Projekt. Die meisten Sponsoren bringen Essen, aber manche geben den Kindern auch Dinge wie Bücher, Stifte, Decken oder Kleidung. Das sind meistens reichere Leute, die das oftmals aus bestimmten Anlässen machen. Dazu gehören ihr eigener Geburtstag oder der Todestag eines Verwandten. Das Motiv ist immer unterschiedlich. Einige Sponsoren machen viele Fotos von den Kindern und von dem Essen, wie sie es austeilen. Manche spielen auch mit den Kindern.

Warum die meisten Sponsoren, im Vergleich zu den anderen Navajeevan-Projekten, ins Chiguru kommen, liegt daran, dass die meisten Sponsoren gerne an kleine Kinder etwas ausgeben. So erklärte es mir ein Mitarbeiter im Chiguru. In den anderen Projekten sind auch viele ältere Jungs und so auch weniger Sponsoren.

Ich habe mich anfangs sehr schwer getan mit den Sponsoren und der ganzen Situation. Aber da es so viele sind, gewöhnt man sich auch mit der Zeit dran.

Einmal kam ein Sponsor zur Snack-Time, der jedem Kind ein Happy Meal von McDonald’s mitgebracht hat. Das war ungefähr das witzigste Sponsoring, was ich bis dahin erlebt habe, denn die Kinder hatten keine Ahnung, was da vor sich geht. Die Pommes haben sie noch gegessen, wobei sie auch nicht wussten, dass der Ketchup dafür gedacht ist. Bei den Burgern musste ein Mitarbeiter erstmal erklären, wie man die isst. Den Kindern hat es aber überhaupt nicht geschmeckt. Zum einen weil sie es nicht kannten und zum anderen auch, weil es ja überhaupt nicht scharf war! Die Kinder lieben scharfes Essen und das hat ihnen einfach zu fad geschmeckt. Also ich habe mich währenddessen aber köstlich amüsiert! 😉

Müll verbrennen

Es ist natürlich absolut verwerflich. Dass Müll verbrennen eine echte Klimasünde ist und wir damit richtige Umweltvernichter, steht natürlich außer Frage. Allerdings ist das hier so und ich habe darauf definitiv keinen Einfluss, denn das ist fest im System verankert. In der Stadt gibt es immer Frauen, die einen großen Müllwagen vor sich herschieben und den Müll der Stadt einsammeln, daher sind die Straßen auch teilweise sauber. Aber das Chiguru ist mitten zwischen Bananenfeldern und dem Krishna und da gibt es herzlich wenige andere Möglichkeiten. Ähnlich sieht es in den anderen Außenprojekten aus. Das Vimukthi beispielsweise liegt nun wirklich in der Pampa und da ist das eben so. Und nicht nur in den Navajeevan-Projekten ist Müllverbrennung normal, sondern das macht jeder, der keine andere Möglichkeit hat, heißt nicht mitten in der Stadt lebt.

Also helfe ich natürlich beim Müll verbrennen. So verwerflich es auch ist, ich muss zugeben: es macht verdammt Spaß! Das ganze Kokeln, was ich in meiner Kindheit verpasst habe, hole ich hier nach. Sobald ich mich beim Müllplatz hinstelle und was anzünde, kommen auch schon sofort vier oder fünf Kinder und helfen mir fleißig. Die Jungs sind schon richtige Profis und wissen genau, wie sie es machen – da kann ich noch was lernen. Es verbindet auch total mit den Kindern im Müll und in der Asche rumzustapfen und macht wie gesagt echt überraschend viel Spaß.

Tiere fangen/beobachten

Ein weiteres Hobby, das die Kinder haben, ist es, Tiere zu fangen oder einfach nur zu beobachten. Auf dem Gelände des Chigurus leben ja viele verschiedene Tiere und die Kinder besuchen beispielsweise die Hennen, Kaninchen und Tauben regelmäßig in ihren Käfigen oder jagen sie gerne übers Gelände. Ein schwierigeres Unterfangen ist dabei natürlich das Einfangen vom Truthahn.

Durch die Nähe zum Fluss und den Plantagen, finden die Kinder aber auch immer mal ganz exotische Geschöpfe, die sie mir dann zeigen wollen. Und wenn sie eine Fischkatze im Krishna entdecken, freuen sie sich auch immer besonders.

Holi-Festival

Letzte Woche war Holi. Eigentlich wird das besonders im Norden Indiens gefeiert, aber hier kennt das natürlich auch jeder. Wir sind dann losgefahren und haben alle Holi-Farben des Supermarktes leer gekauft und die Kinder haben das irgendwie mitbekommen und waren unfassbar aufgeregt. Es gab nur noch die eine Frage: „sister, colours?“ Und dann ging es auch los… wir wollten die Farbpäckchen eigentlich schön an die aufgereihten Kinder austeilen, aber Pustekuchen. Die Kinder haben uns überfallen und die Schlacht ging los. Jeder klatscht jedem Farbe ins Gesicht und nebenbei lief Telugu-Musik und wir haben getanzt und gelacht. Nach einer Zeit startet natürlich noch die Wasserschlacht und das Tanzen wurde fast zu einem Regentanz. Damit wusch sich die Farbe dann praktischerweise auch gleich wieder runter und nachdem das ganze Fest vorbei war, sind auch wenigstens alle sauber da rausgekommen.

Es hat unglaublich Spaß gemacht und die Kinder, die Mitarbeiter und wir hatten eine tolle Zeit!

Ich genieße meine Zeit hier wirklich und freue mich immer wieder neues mit den Kindern zu entdecken. 😉