Umzug und Veränderungen – die Zeit rennt

Vor genau einer Woche bin ich umgezogen. Ich lasse meine Volo-Familie natürlich nicht einfach links liegen! Aber ich gehöre jetzt auch zu den Pendlern. Wie anfangs mal erwähnt, ist Navajeevan so strukturiert, dass es Projekte in der Stadt gibt (z.B. für Kinder, die auf eine öffentliche Schule gehen können oder aufs College) und es gibt Projekte, die bewusst außerhalb der Stadt Vijayawada liegen (z.B. für Kinder, die schon in Kontakt mit Drogen standen und die einfach vom Stadtleben erstmal ferngehalten werden sollten) Das heißt unter der Woche arbeiten wir im Projekte außerhalb der Stadt und am Wochenende kommen wir zum ausruhen zurück in die Stadt und die flat. Navajeevan sieht außerdem vor, dass die Freiwilligen nach 6 Monaten ihr Projekt wechseln. Dies liegt zum einen daran, dass wir so ein breiteres Spektrum der Arbeit von Navajeevan erleben können und vielfältigere Erfahrungen sammeln können. Zum anderen sind nach 6 Monaten auch sowieso einige strukturelle Veränderungen normal.

Damit meine ich zum Beispiel, dass wir uns im Februar von Swaan, Wieske und Markus verabschieden mussten. Diese Abschiede sind mir sehr schwer gefallen.

Ein letztes Foto mit Wieske und Swaan
Wir bringen Markus zum Flughafen und sagen auf ein Wiedersehen!

Wir sind vor allem in den letzten Wochen noch enger zusammengewachsen (wenn das überhaupt möglich war) Ich habe jede einzelnen Minute in unserer Volo-Familie genossen und vor allem die Ausflüge, die wir immer gemeinsam gemacht haben, waren voll mit Momenten, die einfach mein Herz erwärmt haben.

Ein Sleepover mit Swaan und Lilli auf dem Dach

Aber es geht natürlich weiter! Wir waren dann zwischenzeitlich wirklich wenig Volos! Für einige Zeit sogar nur zu viert, weil Tobi, Lilli und Sophia auch noch unterwegs waren. Das war schon sehr merkwürdig und wir haben uns immer umgeschaut „okay, wer fehlt noch? Oh…. niemand mehr!“ Anfang März kamen dann aber auch schon direkt Markus Nachfolger. Zwei Mädchen aus Österreich, die von „Volontariat bewegt“ entsandt wurden. Zwei Wochen später kamen dann auch noch Wieske und Swaans Nachfolgerinnen: zwei Niederländerinnen, die von „Samen“ entsandt wurden. Bald wird auch noch eine Niederländerin anreisen und dann haben wir auch wieder unsere übliche Volo-Anzahl erreicht, wenn wir wieder zu elft sind.

Nur zu viert in Vijayawada hatten wir eine entspannte Zeit

Zu meinem Projektwechsel kann ich sagen, dass ich mich nun auf meine Zeit im Chiguru freue! Das Chiguru wird auch als Kinderdorf bezeichnet, denn es ist ein großes Gelände inmitten von Bananenplantagen, das 105 Jungs und Mädchen ein Zuhause gibt. Die Kinder sind in fünf verschiedenen Cottages (also Gruppen) eingeteilt: zwei für die Jungs und drei für die Mädchen. Jedes Cottage hat eine Care-Amma, die sich um die Kinder Tag und Nacht kümmert. Amma heißt „Mama“ auf Telugu. Außerdem leben hier neben den Kindern auch noch Hühner, Hasen, Buffalos, Gänsen, Katzen, Hunde und alle möglichen Kriechtiere (zu meinem Entsetzen auch Schlangen, aber ich rede mir immer ganz fest ein, dass es keine Schlange bis zu meinem Zimmer im 2. Stock wagen würde)

Aus dem 2. Stock. Das Chiguru liegt am Ufer des Krishna-Rivers

Die Kinder, die hier leben, haben eine schwere Vergangenheit. Sie sind meistens traumatisiert hier angekommen und dementsprechend auch nicht in der Lage auf eine öffentliche Schule zu gehen. Das Chiguru hat eine projektinterne Schule auf dem Gelände mit vier Klassen und L.K.G. Die Kinder werden in die vier Klassen nicht nach ihrem Alter, sondern nach ihrem Wissensstand eingeordnet und wechseln die Klasse, wenn die Lehrer denken, dass sie dafür bereit sind. Kinder, die in der vierten Klasse gute Ergebnisse erzielen und diszipliniert sind, können dann auch auf eine öffentliche Schule wechseln. Disziplin ist ein großer Punkt im Chiguru. Aufgrund ihrer Vergangenheit wissen viele Kinder nicht, wie man sich angemessen verhält. Viele sind frech oder tun sich sozial etwas schwer. Deswegen gibt es strikte Tagesabläufe und festgelegte Regeln (wie das Laufen in einer Reihe zum Essen oder das Assembly)

Ich unterrichte L.K.G. (Lower Kindergarden), also die ganze kleinen, also genau das, was ich nachmittags für einige Stunden in der R.C.M School schon gemacht hatte. Hier ist das aber deutlich anders und ich muss auf jeden Fall noch schauen, wie sich das alles entwickelt.

Die Schule vom Chiguru
Der „Unterricht“ ist – sagen wir mal: anders

Vor der Schule stellen sich alle Kinder zum Assembly auf. Hierbei leisten sie einen Nationalschwur, singen ein Segenslied, es wird aus der Zeitung vorgelesen, bestimmte Bekanntmachungen werden gemacht und zum Schluss die Nationalhymne gesungen. Das Assembly gibt es eigentlich überall in Indien und wird in vielen Institutionen praktiziert, aber natürlich immer verschieden. Die Nationalhymne wird aber immer gesungen.

Nach einer Woche alleine im Chiguru leisten mir ab jetzt Trijntje, eine der Niederländerinnen und Justus Gesellschaft. Justus war schon die letzten Monate im Chiguru und ist nur wieder hier, weil er nun eine Arbeit in einem ganz anderen Bereich bekommen hat. Ich freue mich auf die nächsten Monate und bin super gespannt auf die Arbeit!

Die Balika ist das Haus, in dem die Mädchen ihr Zuhause finden

Und gerade weil ich mich so darauf freue, bekomme ich ein mulmiges Gefühl im Bauch, wenn ich daran denke, in circa vier Monaten schon wieder im Flieger zurück nach Deutschland zu sitzen. Vier Monate! Wo ist die Zeit hin? Zudem fliegen meine Eltern und mein lieber Bruder schon in einem Monat zu mir nach Vijayawada und ich genieße zwei Wochen Urlaub mit ihnen. Vor allem aber kann ich es kaum erwarten ihnen hier alles zu zeigen: meine Stadt Vijayawada, die flat, meine Freunde, meine Projekte, …

Gerade bereisen meine Eltern Erfurt und bald schon Indien!

In den nächsten Monaten steht mir außerdem auch noch ein dritter Urlaub zu und eigentlich arbeite ich kaum noch drei Monate. Das ist alles noch ziemlich unvorstellbar für mich, zumal ich noch sehr große Angst vorm Zurückgehen habe. Der Kulturschock in Deutschland wird groß! Allein wenn ich jetzt an weiche Matratzen, Toilettenpapier, Besteck oder Temperaturen unter 30°C denke, wird mir ganz komisch.

Für jetzt genieße ich die Zeit hier und auch das Zurückkommen wird eine aufregende und erfüllende Zeit und all die Erfahrungen, die ich hier gesammelt habe und noch sammeln werde, trage ich im Herzen.

Zwischenseminar in Trichy

Da ich ja einen von weltwärts geförderten Freiwilligendienst mache, gibt es einige Vorgaben von weltwärts. Dazu gehört neben den Vor- und Nachbereitungsseminaren auch ein Zwischseminar, also ein Seminar während meines Aufenthalts im Ausland. Das Zwischenseminar, bei dem mich der BDKJ angemeldet hat, wird von den Steyler-Missionaren in Sankt Augustin organisiert. Zum Zwischenseminar kommen Indien-Freiwillige von verschiedenen Organisation wie bei mir dem BDKJ oder den Franziskanern Salzkotten oder den Jesuiten. Ein Großteil der Freiwilligen, die an dem Seminar teilnehmen, habe ich schon mal bei einem Indien-spezifischen Länderseminar im Juni 2018 getroffen.

Beim Länderseminar Juni 2018 in Sank Augustin: indisch kochen

Das Seminar wird hauptamtlich von einem Steyler-Missionar namens Xavier organisiert, der gebürtiger Inder ist, aber seit schon fast 20 Jahren in Deutschland lebt. So sind Justus und ich nach chaotischen, anstrengenden und nervenaufreibenden vergangenen zwei Wochen sehr erleichtert in den Zug nach Trichy gestiegen. Trichy oder Tituchchirrappalli liegt in Tamil Nadu, dem Bundesstaat südlich von Andhra Pradesh. Mit dem Zug sind wir 17 Stunden gefahren und haben dann am Bahnhof Debora getroffen – die dritte im Bunde. So war die BDKJ-Indien-Gruppe wieder komplett.

Xavier kommt ursprünglich auch aus Trichy und so hatten wir die Ehre bei seiner Familie unterzukommen. In verschiedenen Häusern (bei Eltern, Schwester, Cousin etc. von Xavier), die sich alle im selben Viertel befinden, wurden wir einquartiert. Die Mama von Xavier hat für uns jeden Tag Frühstück und Mittagessen gekocht und abends durften wir in dem kleinen Restaurant, das von Xaviers Bruder geführt wird, zu Abend essen.

Obwohl wir bei indischen Familien gewohnt haben, waren wir ein Haufen Deutscher mit drei Leitern aus Deutschland. So habe ich direkt schon beim Ankommen schmunzeln müssen, als ich den Küchendienstplan an der Wand hängen sah. So deutsch! dachte ich mir, denn in Indien würde ein Plan solcher Art wohl kaum irgendwo aushängen, aber ich kannte das ja schon von allen möglichen Gruppenfahrten etc. aus Deutschland. Solche Kleinigkeiten haben mich die ganze Woche hindurch begleitet und mich immer wieder zum schmunzeln gebracht und ich habe mich gefreut ein bisschen Zuhause zu erleben.

Natürlich haben wir auch im Aufbau und der Struktur dieses Seminars unsere Seminare in Deutschland und die deutsche Organisation wiedererkannt.

Über Kennenlernen, Projektvorstellung und Kulturellem Training wurde auch ein ganzer Tag der Supervision gewidmet. Dabei haben wir uns in kleineren Gruppen immer für mindestens eine Stunde mit dem Problem von einem von uns auseinandergesetzt. Jeder hat seine persönliche Baustelle erläutert und die anderen konnten Tipps, Ideen oder auch eigene Erfahrungen einbringen. Nicht jedes Problem wurde direkt gelöst, aber es half immer einfach darüber zu reden und Meinungen und Reaktionen der anderen Freiwilligen, die ähnliche Arbeit tun, zu hören. Für mich waren aber besonders auch Themen wie Nachhaltigkeit oder Abschied nehmen und wieder in Deutschland Ankommen wichtige Themen.

Das klassische Bild von solchen Seminaren: die Besprechung im Stuhlkreis

„Nichts brennt so gut wie Plastik“

Zum Seminar gehörten aber auch Themen wie Globalisierung, die Rolle der Frau in Indien und das Kastensystem. Dazu haben wir u.a. auch Vorträge von Personen von außerhalb gehört wie z.B. einer Ordensschwester aus Puducherry.

Um über das Thema Globalisierung zu sprechen, sind wir am Dienstag in die Stadt Trichy gefahren und haben dort zunächst einem Vortrag eines Professors zugehört. Anschließend haben sich über 20 Studenten Zeit genommen, um mit uns ins Gespräch zu kommen. Dabei konnten wir sie alles fragen und wir durften vor allem auch über Themen reden, die normalerweise eher vermieden werden.

Xavier hat aber von Anfang an klargemacht, dass es für ihn am wichtigsten ist, dass wir bei diesem Seminar auch über uns selbst lernen und unsere eigenen Grenzen und Perspektiven mehr erfahren. Eine Aufgabe dafür war beispielsweise das Aufschreiben von „10 Geboten“, die uns helfen sollen Probleme und Schwierigkeiten in unserem Freiwilligendienst besser zu bewältigen.

Ein Höhepunkt während des Seminars war definitiv der Programmpunkt „europäische Küche“. Als wir uns Donnerstagabend alle zusammengefunden haben, gab es dann endlich mal keinen Reis, sondern solche schmackhaften Sachen wie Nudeln mit Tomatensoße (allerdings trotzdem mit einem Hauch indischer Gewürze und Schärfe), Bratkartoffeln, Rohkost mit Hummus, Kaiserschmarren oder Pudding. Das war für uns alle nach so lange Zeit doch wirklich wieder etwas besonderes! Ich bin zwar noch nicht in meiner rice crisis, aber Nudeln waren schon immer mein Leibgericht und das vermisse ich hier schon von Zeit zu Zeit. Ein Jahr zuvor beim Länderseminar noch indisch gekocht, haben wir dieses Mal wieder Essen aus der Heimat gekocht. Man will immer eben das haben, was man in dem Moment nicht hat… 😉

Am Samstag hatten wir Ausflugstag. Den ganzen Tag über sind wir mit einem Reisebus durch die nahe und ferne Umgebung gefahren und haben uns wichtige Sehenswürdigkeiten angeschaut.

Wir haben uns in Trichy den berühmten Tanjavur-Tempel angeschaut. Auch wenn ich bereits in vielen Tempeln hier war, finde ich die Atmosphäre dort immer wieder beruhigend und ich kann mich dort wohl fühlen. Das liegt aber auch sicherlich daran, dass man in Tempeln immer barfuß läuft und ich das einfach gemütlich finde.

Am Nachmittag sind wir dann ans Meer gefahren zur Wallfahrtskirche Velankanni. Das ist ein berühmter Pilgerort, wo sich mehrere größere und kleinere Kirche nah beieinander finden. Als es dort vor einigen Jahren einen Tsunami gab, haben angeblich nur die Menschen überlebt, die sich in dieser Kirche aufhielten. Daher wurde eine weitere riesige Kirche gebaut, die 20.000 Menschen fassen soll, damit im Falle eines weiteren Tsunamis, mehr Menschen gerettet werden können.

Die neue Kirche für 20.000 Menschen

Den Weg zwischen zwei Kirchen legen die Menschen hier teilweise meditierend auf Knien zurück

Wieder mal am Meer gewesen zu sein, war auch wunderbar! Allerdings ist an vielen Stränden in Indien immer eine große Menschenmenge zu finden und das Strand-Erholungsgefühl geht ein wenig verloren.

Justus und ich haben das Seminar sehr genossen, weil wir zwar trotz des ständigen Austauschs mit den anderen Freiwilligen in der Flat, es gut fanden, mehr über andere Projekte zu erfahren, ähnliche Probleme oder Erfahrungen zu hören und einfach wieder mal unseren Kopf anzustrengen, zuzuhören und aktiv mitzudenken. Nichtsdestotrotz haben wir uns dann auch wieder gefreut in Vijayawada zurück zu sein.

Merkwürdige Angewohnheiten der Inder

Ich habe ja immer sehr stark betont, wie freundlich und hilfsbereit die Inder sind. Allerdings gibt es auch ein paar Eigenheiten, die man als Nicht-Inder vielleicht erstmal als merkwürdig empfinden könnte. Diese Dinge tun meinem positivem Bild von den Landsleuten allerdings keinen Abbruch und sollte jemand von euch mal nach Indien reisen, dann sollte das ebenfalls so sein. Ich nehme die Sachen einfach nur als einen Teil der indischen Kultur wahr. Teilweise bemerke ich es aber auch gar nicht mehr.

Ein paar der Angewohnheiten möchte ich mit euch teilen:

– während der Fahrt ein Gespräch beginnen

Ich fahre ganz gemütlich auf meiner überfüllten Straße auf meinem halb zerfallenen Fahrrad entlang und plötzlich kommt von der rechten Seite ein bekanntes „Which Country?“ Zwei Inder auf einem Motorrad schauen mich erwartungsvoll an und wollen eine Antwort. Keine ungewöhnliche Situation. Ich werde oft mitten auf der Straße beim Fahrradfahren angesprochen. In der richtigen Stimmung lasse ich mich gerne mal auf ein gutes Gespräch ein, aber manchmal ist es mir dann doch zu viel und ich halte es für wichtiger meine Konzentration auf den Verkehr zu richten. Man sieht aber oft Inder, die sich beim Fahren unterhalten. Meist zwei Motorradfahrer nebeneinander, die einen kleinen Plausch halten. Aber auch Fahrradfahrer, Auto- oder Rikshafahrer sind gerne mal in ein Gespräch vertieft. Bietet sich ja auch an, wenn man aufgrund des vollen Verkehrs so nah nebeneinander fahren muss.

Swaan macht mit zwei Indern auf dem Heimweg Bekanntschaft

Übrigens: die Inder hier stört es gar nicht, dass ich Kopfhörer drin habe, sie quatschen mich trotzdem an. Sie sind halt nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen 😉

– Verzicht auf Taschentücher

Das Klischee kennen sicherlich einige. Die Menschen bei mir nutzen keine Taschentücher, stattdessen nutzen sie die altbekannte Methode, die den meisten Kleinkindern bei uns versucht wird abzugewöhnen: einfach ein Nasenloch zu halten und kräftig hochziehen. Kein Problem. Viel ekliger finden sie es, wenn sie jemanden sehen, der sein Taschentuch rausholt. („Sister, chi! What is that?“) lustiger Fakt am Rande: im Supermarkt gibt’s trotzdem Taschentücher zu kaufen! Wie gesagt, man kann natürlich nicht alle über einen Kamm scheren…

– Rülpsen und Schmatzen

…ist hier kein Problem. Machen hier sehr viele. Tatsächlich oftmals Männer, aber ich habe auch schon Frauen dabei erlebt. Das wird einfach von der Gesellschaft nicht als unhöflich wahrgenommen.

– von allem und jedem Fotos machen

Klar, es glaubt einem ja keiner, dass man das und das erlebt hat, wenn davon nicht mindestens ein Foto gezeigt werden kann (ein Video ist eigentlich noch besser) Deswegen weiß man auch schon, auf jeder Veranstaltung wird sich mindestens einmal versammelt um Gruppenfotos zu machen – in allen möglichen Konstellationen. Ein Beispiel: habe ich eine Feierlichkeit im BVK, dann gibt es erst ein Gruppenfoto mit allen zusammen, dann nochmal jede Klasse einzeln mit ihrem Lehrer, dann nochmal alle Mitarbeiter vom BVK, dann nur die Gäste mit unserem BVK-Chef und dann nochmal Einzelfotos und vor allem Selfies. Die ganzen Fotos werden dann übrigens liebend gern rumgezeigt, auf Familienfeiern, auf der Arbeit, wenn man sich zufällig trifft und das Ereignis noch nicht so lange zurücklag oder einfach wenn man besonders stolz ist auf ein Foto. Über WhatsApp werden sie auch gerne verschickt und vor allem ganz rasant. Als ich einmal in der Schule einen Tanz mit den Lehrern aufgeführt habe, wurde ich wenige Stunden später beim Abendessen schon von einem unserer Fathers darauf angesprochen. Ihm wurde das Video von dem Schuldirektor geschickt („Schau mal, was deine Freiwillige heute gemacht hat“)

Beim Umlegen der Hochzeitskette wird kurz gewartet bis das Foto gemacht wurde

Übrigens: wenn irgendwas überreicht wird oder im allgemeinen eine besondere Bewegung gemacht wird, dann halten die Inder dabei still (frieren sozusagen kurz ein), warten bis ein Foto gemacht wurde und dann geht’s weiter. Allerdings habe ich das auch schon übernommen und achte ebenfalls bei fast allen Dingen darauf, dass gemeinsam ein Foto gemacht wird. Und das Innehalten bei einer Bewegung, um ein Foto zu knipsen, habe ich mir auch schon automatisch angeeignet.

– auf Fotos nicht lächeln

Trotz der immensen Fotoliebe, schauen die meisten auf Gruppenfotos so aus, als wären sie lieber ganz woanders. Sie zeigen prinzipiell selten ihre Zähne auf Bildern. Manchmal sind wir dann die einzigen, die richtig komisch aussehen, weil wir grinsen, aber manchmal passen wir uns auch einfach an…

– Raketen aus der Hand schießen lassen

Klingt gefährlich, ist es vielleicht auch… Aber kein Problem. In Vijayawada wird im Gegensatz zu Deutschland das ganze Jahr über Feuerwerk geschossen. (Bei dem Lautstärkepegel macht das auch nicht mehr viel aus) Vor allem an Diwali (dem Hindu-Fest im November, ich habe darüber berichtet) haben wir den Umgang der Menschen hier mit Feuerwerk kennengelernt. Dabei wurden Sicherheitsvorkehrungen, die in Deutschland ja ganz oben auf der Tagesordnung stehen, eher außen vor gelassen. Hauptsache es knallt. In einem unserer Projekte haben daher auch die kleinsten Kinder schon Raketen gefeuert und ein Feuerwerkskörper ist sogar in den Hausflur gezischt. Es erschien uns sehr unvorsichtig, aber Anpassung ist alles, also haben wir an Silvester gezeigt, was wir schon gelernt haben.

Diwali im Deepa Nivas mit Johnny und Lilli

– Kopf wackeln

Für Nicht-Inder ist diese Angewohnheit besonders auffällig und befremdlich. Für mich gehört sie zu den Angewohnheiten, die ich schon gar nicht mehr bemerke, sondern stattdessen schon übernommen habe. Die Inder wackeln ständig ganz fröhlich mit dem Kopf: um ein „Ja“ auszudrücken, um zu zeigen, dass sie zuhören oder einfach beim Erzählen. Als die Familien der anderen Freiwilligen über Weihnachten zu Besuch waren, haben einige schon ganz begeistert festgestellt: „ihr macht das ja auch schon alle! Sogar wenn ihr gar nicht mit Indern redet sondern nur untereinander!“ Ja, das ist einfach wirklich eine schöne Geste, die für mich persönlich so viel Herzlichkeit ausdrückt.

– Laut Telefonieren/Musik hören

Ganz oft sieht man auf der Straße, im Bus, beim Warten in der Post oder im Restaurant Menschen, die laut telefonieren. Der Lautsprecher ist an und so wird dann das Telefonat geführt. Das selbe ist auch mit der Musik so. Vielleicht verzichten sie auf Kopfhörer, damit das Musikerlebnis geteilt wird. Die lauten Telefonate verstehe ich nicht (sie sind ja auf Telugu), aber etwas befremdlich ist es schon. Insgesamt ist das aber alles nicht so schlimm, weil der Lautstärkepegel der Stadt sowieso immer so hoch ist, dass diese Eigenheit dann auch nicht mehr so ins Gewicht fällt.

– Cake Cutting

Bei jeder Veranstaltung, sei sie noch so klein, gibt es mit Sicherheit einen Kuchen. Darauf wird hier viel Wert gelegt und das „Cake Cutting“ (Kuchenschneiden) hat sich schon als fester Programmpunkt etabliert. Die Größe des Kuchens ist abhängig von der Wichtigkeit der Veranstaltung. Die gesamte Prozedur läuft dann meist folgendermaßen ab: die „wichtigsten“ Anwesenden der Veranstaltung schneiden gemeinsam den Kuchen an. Dabei ist wichtig: so schick und elegant die Veranstaltung auch ist – das Messer ist immer ein Plastikmesser, das zum Kuchen dazu geliefert wird. An Weihnachten hat eine Mama ganz geschockt gefragt, ob denn hier nicht mal jemand ein gescheites Messer bringen kann, nachdem unser Plastikmesser gebrochen ist. Das hat niemanden aus der Ruhe gebracht, weil das öfter mal passiert. Dann wird das erste angeschnittene Stück einem anderen „wichtigen“ Anwesenden in den Mund gestopft. Er wird also gefüttert. Das dürfen dann nach und nach alle machen. An Geburtstagen wird zum Beispiel das Geburtstagskind von allen Gästen gefüttert oder je nach Veranstaltung auch die Hauptperson. Manchmal wird dieser Person dann der Kuchen sogar ins Gesicht geschmiert. Den Kuchen nennen wir Volos immer Zahnpastakuchen, weil er zwar super schön und wichtig aussieht, aber meistens einfach nur eklig nach Zahnpasta schmeckt.

Alle innehalten fürs Foto und alle wichtigen Leute müssen vermeintlich am Anschneiden teilhaben

– einen Fingernagel ganz lang wachsen lassen

Ich habe das nun schon öfter beobachtet, dass vor allem Männer, sich ganz oft einen Fingernagel (meistens den vom kleinen Finger) ganz lang wachsen lassen haben. Ich weiß noch nicht warum, aber es ist auf jeden Fall auch für mich noch sehr befremdlich. Übrigens immer nur an der linken Hand, denn mit der rechten Hand wird ja gegessen!

– alles zweimal sagen

Ich meine nicht alles-alles, aber bestimmte Sachen schon. Zum Beispiel bekommt man nie ein einfaches „ok“, sondern immer ein „ok, ok“. Genauso ist es mit „No Problem, No Problem“, „Welcome Welcome“, „Come, come“ oder „eat, eat“. Außerdem bin ich ja mittlerweile ein großer Fan unserer Telugu-Musik und da verhält es sich ähnlich. Titel meiner Lieblingslieder lauten: „Inkem Inkem“, „Yenti Yenti“ oder „Follow Follow“ (übrigens sehr empfehlenswerte Lieder) Aber diese Eigenheit ist definitiv auch schon eine von denen, die ich übernommen habe. Und außerdem finde ich, dass diese Angewohnheit die Menschen nur herzlicher macht.

– alle Süßigkeiten als „Chocolate“ bezeichnen

Wenn die Inder in meiner Umgebung von Süßigkeiten reden (damit meine ich nur abgepackte Süßigkeiten) dann ist immer von „Chocolate“ (Schokolade) die Rede. Während ich mich also schon unglaublich auf die vermeintliche Schokolade freue, gibt es dann am Ende doch nur ein süßes Bonbon o.ä. Wobei – manchmal gibt es auch WIRKLICH Schokolade, aber für meinen Geschmack eher zu selten… Übrigens Kekse werden grundsätzlich nur als „biscuits“ bezeichnet und nie als „cookies“.

Eine Lieblingssüßigkeit. Für mich Bonbons, für meine indischen Freunde Chocolate, für uns beide: absolut lecker!

– merkwürdige Gesundheitstipps geben

Das habe ich nun auch schon öfter erlebt, dass ich einen Tipp bezüglich meiner Gesundheit bekomme, bei dem ich mir nur denke: „hä?? Wieso das denn?“ Einige Beispiele:

• Fliegen verbreiten auch Dengue-Fieber, also beim Essen schön aufpassen!

• wenn du weinst, dann bekommst du mehr Krankheiten!

• nach Dengue-Fieber muss man viel Papaya essen, aber zwei Monate lang kein Hühnchen!

• Jackfruit verhindert ganz viele Krankheiten wie Bronchitis oder Krebs

• am Abend keinen Fruchtsaft mehr trinken, weil man sonst eine Erkältung bekommt!

• von Papaya wird man unfruchtbar!

• bei Hautproblemen keine Kartoffeln essen!

Solche und ähnliche Anweisungen haben wir schon zu hören bekommen, bei denen ich oft nur mit einem unverständlichen Blick reagieren konnte, aber wer weiß…vielleicht haben sie ja recht?

Ich möchte auf gar keinen Fall pauschalisieren und ich kann auch nicht sagen, dass das auf jeden zutrifft (stattdessen kann ich nur das Gegenteil sagen). Ich schreibe oft „die Inder“ weil „der Großteil der Inder, denen ich bisher begegnet bin“ etwas zu umständlich wäre. Die ganze Sachen sind mir auch nur in meiner Region aufgefallen und bei Debora in Kerala zum Beispiel kann es schon wieder ganz anders aussehen. Die immensen Unterschiede haben wir in unserem Urlaub oft genug erlebt. Indien ist so riesig und so vielfältig und ich finde, man kann gar nicht von einer „indischen Kultur“ reden, sondern muss hierbei den Plural nutzen. Trotzdem sind das meiner Meinung nach kleine Dinge im Alltag, die nochmal zeigen, wie verschieden Deutschland und Indien doch wieder sind.

Unser Wochenendausflug nach Bangalore

Am vergangenen Donnerstag habe ich dann schweren Herzens von Debora Abschied nehmen müssen. Unser gemeinsamer Urlaub war leider vorbei. Nachdem sie mich zum Bahnhof in Trivandrum gebracht und wir uns verabschiedet hatten, startete also meine erste Zugfahrt alleine.

Weil ich es mir wie immer bequem eingerichtet hatte, verging die Zeit auch ganz schnell und so bin ich Freitagmorgen pünktlich nach 20 Stunden Zugfahrt in Bangalore ausgestiegen. Nicht so pünktlich sind leider meine lieben Volos aus Vijayawada angekommen. Sie sollten eigentlich schon Donnerstagvormittag ankommen, plagten sich dann allerdings mit einiger Verspätung. Nichtsdestotrotz haben mich drei von ihnen Freitag in der Früh vom Bahnhof abgeholt und ich habe mich wie wahnsinnig gefreut meine Volo-Familie wiederzusehen!

In Bangalore sind außerdem zwei österreichische Freiwillige, die zur selben Organisation („Volontariat bewegt“) gehören wie die Österreicher bei uns. Hauptsächlich sind wir nach Bangalore gekommen, um uns deren Projekte anzuschauen. Das Projekt, in dem sie mitarbeiten heißt BOSCO und wird ebenfalls von den Salesianern Don Boscos geleitet wie Navajeevan bei uns in Vijayawada.

Ihr Projekt ist ähnlich strukturiert wie Navajeevan, allerdings waren wir an manchen Stellen schon ein wenig eingeschüchtert und neidisch, denn dort gab es einige Dinge, die wir auch gerne bei uns sehen würden. Beispielsweise würden wir uns für unsere Kids auch so viel Platz oder so viele Betten wünschen. Aber dahinter stehen Strukturen und Entscheidungen, von denen wir keine Ahnung haben und die wir nicht beeinflussen können.

Die beiden Freiwilligen haben uns aber auch ein wenig Bangalore gezeigt. Besonders beeindruckt waren wir dabei von der super neuen und sauberen Metro! Sie haben uns aber auch in den botanischen Garten mitgenommen, wo wir es uns gemütlich gemacht haben und ein paar gemeinsame Lieder geträllert und den Sonnenuntergang genossen haben.

Wir hatten eine tolle Zeit gemeinsam, auch wenn sie leider nur sehr kurz war. Ich finde solch ein gegenseitiger Austausch ist unglaublich wichtig und ich freue mich, wenn es wirklich klappen sollte, dass die beiden Jungs uns mal in Vijayawada besuchen kommen.

Am Samstagnachmittag ging es dann leider schon wieder zurück, allerdings dieses Mal nur 15 Stunden im Zug.

Nun bin ich zurück in Vijayawada und habe mich wie ein Kleinkind gefreut, die Straßen wieder zu erkennen und unsere Wohnung aufzuschließen. Nach zwei Wochen Urlaub habe ich mich dann auch am Montag wieder auf mein Fahrrad geschwungen und bin wie gewohnt nur Arbeit geradelt.

Die schönste Begrüßung über meine Rückkehr habe ich aber definitiv von meinen RVTC-boys bekommen. Die Begeisterung und grinsenden Gesichter waren so schön! Und deswegen bin ich auch auf ihr tägliches „sister, noooooo class today!“ heute mal eingegangen und wir haben nur Spiele gespielt.

Debora und Cara auf Tour – Teil 3

Auf ging es zu unserem letzten gemeinsamen Stopp, der gleichzeitig Deboras Zuhause ist.

5. Stopp: Trivandrum – Deboras Projekt (Konniyoor)

Nach einigen Stunden entspannter Zugfahrt (inklusive Mittagsschlaf) sind wir in Trivandrum angekommen. Nun waren wir in Deboras gewohntem Umfeld. Sie wohnt mit Schwester des Karmelitenordens in einem Kloster, das ca. 20 km außerhalb von Trivandrum in einer ländlichen Gegend liegt. Trivandrum ist die Hauptstadt vom Bundesstaat Kerala, der südliche Bundesstaat an der Westküste.

Im Kloster angekommen wurden wir von den drei Schwestern (die vierte ist auf Seminarwoche in Kochi) herzlich begrüßt.

Debora hat mir das ganze große Gelände gezeigt mit all den vielen Obstbäumen, Gemüsepflanzen und auch dem Girl’s Home, in dem 20 junge Mädchen zwischen 6 und 14 Jahren unterbracht sind.

Während ich an einem Tag Deboras Alltag in der Schule miterleben konnte, haben wir am darauffolgenden Tag einige schöne Plätze in ihrer Umgebung besucht.

Besonders beeindruckt hat mich dabei, was für eine große Rolle das „Mitbeten“ in Deboras Freiwilligendienst spielt. Jeden Morgen ist um 6:30 Uhr Gottesdienst auf Malayalam und am Abend nochmal eine gute Stunde Rosenkrank beten. Auch wenn Debora nicht jeden Morgen in den Gottesdienst geht, sondern „nur“ 2-3 Mal die Woche, bewundere ich ihre Ausdauer, Hingabe und Gelassenheit dabei.

In Deboras Umgebung haben wir zunächst eine Elephantenfarm besucht! Seit diesem Tag sind Elephanten meine neuen Lieblingstiere 😉 wir konnten die Elephanten beim Baden, Fressen und Waschen beobachten und das war einfach nur herzig! Von einem 5 monatigen Baby bis zu einer alten 80-jährigem Elephantendame war dort alles vertreten und die Tiere bei ihrem Verhalten untereinander zu beobachten, hat mich viel mehr begeistert als ich es mir je hätte vorstellen können!

Anschließend konnten wir die Aussicht von einem Staudamm über die ganze Schönheit von Keralas Natur genießen.

Und haben schließlich den ganzen Nachmittag auf dem Punmudi Berg, der umgeben von Teeplantagen ist, verbracht. Die Luft dort oben war endlich einmal sauber, kühl und erfrischend. Debora und ich haben uns eher wie in Österreichs Bergen gefühlt als in Indien. Wir haben die letzten gemeinsame Zeit genossen, hatten wundervolle Gespräche und konnten unseren Urlaub rekapitulieren.

Bevor es dann am Donnerstagmorgen für mich mit dem Zug weiter ging, hat Debora mir noch eine riesige Kirche direkt am Strand von Trivandrum gezeigt. Für diese Kirche haben die Bewohner viel gespendet und sind wahnsinnig stolz darauf. Mir hat das einmal mehr gezeigt was für eine immense Bedeutung der Glaube für die Menschen hier hat.

Nun geht es für mich mit dem Zug alleine weiter – ungewohnt eine Zugafahrt ohne Debora! (Übrigens: insgesamt haben wir zusammen um die 50 Stunden im Zug verbracht und trotzdem fast jedes Mal unseren Ausstieg verpasst)

Was ich vom Urlaub im Herzen behalte

Ich bin einfach nur dankbar für unseren Urlaub!

Jeder Tag war auf seine Art und Weise besonders. All die Menschen, denen wir begegnet sind, haben unseren Urlaub einzigartig und faszinierend gemacht. Wir haben so viele verschiedene Geschichten gehört von Menschen aus der ganzen Welt! Ich muss an die reiselustigen Russen, das Ehepaar aus Kanada, den verbitterten Belgier oder die deutsche Reisegruppe denken. Die niederländische Ärztin, die für immer in Indien leben wird oder der Konsulent aus Frankreich, der mich nicht nur nach Paris eingeladen hat, sondern auch aufgefordert hat, nach diesem Jahr an Schulen von meinen Erfahrungen zu berichten – diese Menschen und alle anderen Begegnungen haben mich zum nachdenken gebracht. Ihre Geschichten, Ansichten und Ratschläge bewahre ich hoffentlich noch lange in meinem Gedächtnis.

An all den Orten wurde uns so viel Großzügigkeit und Gastfreundschaft entgegengebracht, dass wir uns oft gefragt haben, wie wir das alles verdient haben.

Debora und ich waren ein wundervolles Team, das ich mir nie hätte besser wünschen können. Wir haben uns ergänzt, konnten uns über alles austauschen und haben zusammen alles bestens gemeistert. Wir können uns aufeinander verlassen und haben unsere Beziehung vertiefen und ausbauen können. Ich denke, dass sie mir auch für die weiteren 6 Monate eine unglaubliche Stütze sein wird.

Der Urlaub war nicht nur das Entdecken von Südindien, sondern vor allem auch viel Zwischenmenschlichkeit.

Nun kann ich bestärkt in die nächsten Wochen starten, die ebenfalls viel bereithalten…

Debora und Cara auf Tour – Teil 2

Glücklicherweise ist mein Urlaub noch nicht vorbei und unsere nächsten Stopps folgen:

3. Stopp: Puducherry/Pondicherry

Nach einer entspannten Zugfahrt kommen wir in Puducherry (engl.) oder auch Pondicherry (Tamil = regionale Sprache) an. Diese Stadt gehört zum gleichnamigen Unionsterritorium. In Indien gibt es sieben Unionsterritorien, u.a. Delhi oder die Andamanen und Nikobaren. Das Gebiet war bis Mitte des 20. Jahrhunderts unter französischer Herrschaft und so trifft man dort viele französische Touristen oder kann es sich in französischen Cafés bequem machen.

In Puducherry befindet sich ein Don Bosco Projekt und da mein Projekt Navajeevan Bala Bhavan ja ebenfalls zu Don Bosco gehört, stand es außer Frage, dass die Priester uns dort aufnehmen. Mir war diese Ehre gar nicht bewusst, aber als unser Vize-Provinzial vor einigen Monaten zu Besuch war, hat er das direkt für mich arrangiert. Die Gemeinschaft der Salesianer Don Boscos sind in ganz Indien verteilt und Gäste aufzunehmen ist für sie eine häufige Selbstverständlichkeit. So wurden wir vom Bahnhof abgeholt und nachdem ich es gar nicht fassen konnte, dass ich hier wirklich ein Zimmer für mich bekomme, haben wir mit den Fathers zu Abend gegessen.

Mittwochmorgen haben wir dann spontan entschieden nach Auroville zu fahren. Die Stadt liegt ca. 9 km außerhalb von Puducherry und ist ein besonderer und sehr spiritueller Ort. Die Idee hinter dieser Stadt ist es, einen Ort der Gemeinschaft zu kreieren. Ein Ort, an dem jeder frei ist, an dem man sich entfalten kann, an dem man sich bilden und Selbstverwirklichung kann – ein Ort, an dem Gemeinschaft regiert.

In Auroville gibt es keine Religion, sondern es ist ständig vom „Göttlichen“ die Rede. Dazu gibt es im Zentrum ein Gebilde, das Martimandri genannt wird und wo sich anscheinend die gesamte Spiritualität bündelt. Darin soll man sich ganz auf sich konzentrieren können.

Ich fand Auroville einfach nur faszinierend. Es scheint eine ganz ferne Philosophie dahinter zu stehen, eine für Außenstehende schwer zu verstehende Magie, die alle Bewohner dazu bewegt dort das Leben aktiv mitzugestalten. Ich kann jedem nur ans Herz legen sich das Präsentationsvideos anzuschauen und ein bisschen zu versuchen, das ganze Konzept und Lebenssystem dieser Stadt zu verstehen.

Da sich unser Glück von wundervollen Begegnungen wirklich Tag für Tag durchgezogen hat, bekamen wir sogar die Möglichkeit mit ein paar Bewohner dieser Stadt zu sprechen. Viele von ihnen wollen ungern wieder woanders wohnen. Diese Stadt soll ein Ort von weltlicher Gemeinschaft sein, es wohnen also Menschen von über 50 Nationen dort. Eine Frau aus Frankreich, die in Paris gewohnt hat, erzählte mir, dass sie seit 12 Jahren hier wohnt und Frankreich kein bisschen vermisst. Ein Frau aus den Niederlanden kommt seit 18 Jahren regelmäßig nach Auroville und versucht nun komplett dorthin zu ziehen.

Neben dem Kennenlernen dieses besonderen Ortes haben wir aber auch die Stadt Puducherry erkundet. Einer der Fathers nahm uns mit, zeigte uns riesige Kirchen, den Strand und lud uns zum europäischen Abendessen ein.

Aufgrund der französischen Geschichte in Puducherry gibt es auch heute noch ein Stadtviertel, das ein wenig französischen Flair versprüht. Man findet kleine Cafés und mehr weiße Häuser als normalerweise. Deswegen wird dieses Viertel auch als White Town bezeichnet. Ich habe mich besonders gefreut hier wieder richtigen Kaffee zu genießen!

Leider war unser Aufenthalt in Puducherry nur recht kurz und so ging es Freitagmorgen zurück nach Chennai, damit wir dort am Abend in den Zug nach Ernakulam steigen konnten.

4. Stopp: Ernakulam/Kochi

Am Samstagmorgen sind wir dann angekommen und wurden von einem befreundeten Priester von Debora in Empfang genommen. Father Gregory ist ein Priester, der schon seit vielen Jahren immer mal in Deutschland lebt und dort als Pfarrer tätig ist. Im März wird er für ein Jahr in Deutschland als Kaplan arbeiten. Dadurch versteht er Deutsch natürlich perfekt und Deutsch mit indischen Akzent zu hören, war für mich eine richtige Freude!

Father Gregory hat sich auch um unseren Schlafplätze gekümmert und da kam er mit einer riesigen Überraschung: wir hatten ein ganzes Haus für uns alleine! Eine befreundete Familie von ihm hat dieses Haus letztens erst renoviert und bevor sie es vermieten werden, durften wir noch ein paar Tage darin wohnen.

Diese Familie hat uns dann auch ein bisschen herumgeführt. Als Ernakulam wird die neue, moderne Stadt bezeichnet, die sich herausgebildet hat als Kochi an Bedeutung gewann. Kochi ist eine Halbinsel und durch deren Nähe zum Ozean der Hafen und die Fischerei der Stadt mehr und mehr Wichtigkeit gab.

Am Fort Kochi haben wir die riesigen chinesischen Fischernetze gesehen, die an langen Stöckern aufgespannt und mit Seilen ins Wasser gelassen werden. Wir sind am Meer entlang spaziert und haben riesige Frachtschiffe sehen können.

Auch die Straßen von Ernakulam haben wir erkundschaftet und waren in einer faszinierenden Kunstausstellung.

Am darauffolgenden Tag hat uns Father Gregory mit einer befreundeten Ordensschwester zusammen zu Wasserfällen gebracht. Es war sehr beeindruckend mit dieser wunderschönen Natur trotz des ausbleibenden Regens.

Anschließend hatte Father Gregory eine Einladung zu einer Messe bei einem Kirchenfest und wir sind natürlich mitgekommen. Der Gottesdienst war allerdings auf Malayalam (regionale Sprache) Debora sagte dazu nur: „Cara, jetzt teilst du endlich mal mein Schicksal!“

Am Abend wurde für uns von der Ehefrau der Familie noch indisch gekocht und wir durften helfen! Zwar war unser Ergebnis nicht ganz perfekt, geschmeckt hat es aber trotzdem und mit der Erfahrung lernt man ja.

Am Montagmorgen stand auf der frühen Tagesordnung noch ein Punkt, der vor allem für Debora sehr wichtig war: ich habe die verantwortliche Schwester ihres Klosters kennengelernt. Sr Mable ist leider gerade auf Besinnungswoche und daher nicht im Kloster aber wenigstens ist diese Besinnungswoche in Ernakulam, wo wir zufällig ja auch sind. Für eine Stunde hatten wir die Erlaubnis sie zu sehen und ich konnte sie treffen. Auch wenn wir uns nur kurz gesehen haben, kann ich sagen, dass diese Frau ein unglaublicher herzlicher und liebevoller Mensch. Ich bin froh, dass Debora bei ihr lebt.

Nun geht es auf zum letzten Teil unserer Reise!

Debora und Cara auf Tour – Teil 1

Im Januar steht jetzt (endlich) mein erster Urlaub an! Mir stehen im ganzen Jahr 30 Urlaubstage zu und die ersten 10 nehme ich jetzt in Anspruch. In letzter Zeit habe ich gemerkt, dass ich den Urlaub schon nötig hatte. Durch Weihnachten und Silvester war ich teilweise noch etwas gestresst und ausgelaugt und auch im Bezug auf die Kids und die Frauen im BVK war ich in einigen Situation emotional noch zu sehr verstrickt.

Meine Reisepartnerin ist Debora. Debora und ich haben uns durch unsere BDKJ-Vorbereitungsseminare kennengelernt. Wir sind schnell sehr gute Freunde geworden und haben eine enge Beziehung entwickelt. Mit Justus zusammen sind wir die BDKJ-Indien-Gruppe und stehen in regelmäßigem Austausch. Während Justus und ich in Vijayawada (Staat Andhra Pradesh im Südosten) wohnen, arbeitet Debora im kleinen Bundesstaat Kerala ganz im Süden Indiens. Sie lebt mit Schwestern in einem Kloster und unterrichtet in einer Schule, die von den Schwestern dort geleitet wird.

Debora und ich planen seit drei Monaten nun schon unsere kleine Rundreise, die sich durch Südindien ziehen soll. Mit Rucksack auf dem Rücken und dem super ausgebauten indischen Zugnetz haben wir die perfekte Grundlage für unsere Reise. Was mich bei der Vorbereitung durchgängig beeindruckt hat, war die Tatsache, dass wir an keiner unserer Station alleine sein werden. Über drei Ecken kannte irgendwer immer irgendwen an unseren Reisezielen. So hatten wir keine Umstände mit dem Buchen von Unterkünften oder großartiger Tagesplanung. Nur mit guter Laune, Offenheit und Spontanität sind wir gestartet.

Meine Reiseroute

1. Stopp: Vijayawada

Am Mittwoch ist Debora nach 24 h Zugfahrt bei mir in Vijayawada angekommen. Trotz der langen Reise hatten wir uns so viel zu erzählen, waren so aufgeregt uns wiederzusehen und voller Vorfreude auf unseren Urlaub! Ich habe mich unglaublich darauf gefreut Debora so viel wie möglich von meinem Leben hier in Vijayawada und vor allem von meinen Projekten zu zeigen. Die zweieinhalb Tage, die wir hatten, waren voller Programm. Fünf Projekte konnten wir uns anschauen, meine lieben Menschen in Navajeevan hat sie kennenlernen können und vor allem auch meine Volo-Familie. Das war mir besonders wichtig. Auch Shopping stand natürlich auf dem Plan, denn Debora wohnt in einem Dorf. Auch wenn ich Vijayawada mittlerweile schon als kleine Stadt wahrnehme, war Debora komplett überrumpelt von dem Stadtleben. Besonders das erste Mal Fahrradfahren in Indien war eine Herausforderung, die sie aber super gemeistert hat 😉

Debora hat mir oft gesagt, dass hier alles anders ist. Beim Aussteigen aus dem Zug hatte sie das Gefühl in einem komplett anderen Land zu sein. Die Straßen, das Essen und die Umgebung sehen komplett anders aus. Auch an meinen anderen Dresscode hier musste sie sich erst anpassen. Wir konnten das beide kaum glauben, aber so unterschiedlich ist es nun mal innerhalb von Indien. Den selben Schock bekomme ich bestimmt, wenn ich dann bei ihr ankomme!

Besonders schön war es auch, dass die BDKJ-Indien-Gruppe wiedervereint war!

Nach einem besinnlichen Hügellauf am Freitagabend sind wir dann in der Nacht mit Snacks bepackt in den Zug gestiegen.

2. Stopp: Chennai

Am Samstagmorgen sind wir in Chennai angekommen und wurden von einem Bekannter einer der Schwestern in Deboras Kloster abgeholt. Der Bekannte hatte sich auch schon um unsere Unterkunft in Chennai gekümmert. Mit zwei seiner Freunde haben wir dann ein angenehmes Sightseeing-Programm bekommen.

Wir sind ein bisschen außerhalb von Chennai gewesen und waren dort in einem wunderschönen Park mit beeindruckenden Steingebilden, einem schönen Leuchtturm und toller Natur. Auch einen Strandspaziergang konnten Debora und ich genießen.

Am Sonntag und Montag wurden wir von einem anderen Bekannten und seiner Schwester rumgeführt, mit dem Debora schon vorher in Kontakt stand.

Er hat uns eine riesige Shopping-Mall gezeigt, die uns nach Europa zurückversetzt hat. Wir waren in mehreren Kirchen, einem anderem Leuchtturm und am längsten Strand Indiens, der sich in Chennai befindet.

Eine Kirche war sehr besonders. Sie wurde auf den Reliquien des Heiligen Thomas, Jünger Jesu, gebaut und gehört damit zu einer der einzigen drei Kirchen dieser Art auf der ganzen Welt (die anderen beiden: Santiago de Compostella und der Petersdom in Rom)

Aber nicht nur deswegen war die Kirche für uns besonders. Als wir die Grabstätte betreten haben, wurden wir kurz stutzig. Dort fand ein deutscher Gottesdienst statt! Die letzten Minuten, die wir noch mitbekommen konnten, haben wir sehr genossen! Nach all den englischen Messen oder Gottesdiensten auf Telugu (regionale Sprache bei mir) Bzw. Malayalam (regionale Sprache bei Debora) war das eine wundervolle Abwechslung! Der Gottesdienst fand statt, weil ein indischer Pater, der in Deutschland lebt, eine Reise nach Indien für seine Gemeindemitglieder organisiert hat. Wir kamen danach nicht umhin mit der Gruppe ins Gespräch zu kommen. Auch die deutschen Reisenden waren ganz begeistert uns zu treffen, waren wundervoll interessiert an unserer Arbeit und gaben uns ein Stück Heimat. Alle waren ganz euphorisch wegen dieser Begegnung und einige der Gruppenmitglieder kamen auf mich zu und wollten mich einfach umarmen und mir nur das Beste wünschen. Mit dem Zufall noch nicht genug, stellte sich heraus, dass der Pater zwei deutsche Freiwillige in Indien kennt. Die beiden kannten wir! Debora und ich haben sie auf einem organisationsübergreifenden Länderseminar kennengelernt und wir werden sie auch in ein paar Wochen auf einem Zwischenseminar wieder treffen. Indien ist doch ganz klein!

Die Begegnung mit der deutschen Reisegruppe hat mich unglaublich berührt. Die ganze lieben Wünsche und bestärkenden Worte haben mir sehr, sehr viel Mut geschenkt. Ein Stück Heimat in diesen Personen zu finden, war ein ganz unbekanntes und so schönes Gefühl, damit hatte ich nie gerechnet. Wie Kirche immer wieder zusammenbringt, beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue.

Wir haben unsere Tage in Chennai unfassbar genossen! All die Fürsorglichkeit der Inder hat uns gut aufbewahrt fühlen lassen. Wir hatten so viele tolle Begegnungen mit Indern, aber auch mit Menschen aus Deutschland, den Niederlanden oder Russland. Mich persönlich fasziniert die Offenheit der Menschen hier immer wieder und ich bin sehr dankbar dadurch mit so vielen wundervollen Menschen in Kontakt treten zu können. Ich wünsche mir, dass Zuhause die Menschen manchmal ihre Skepsis mehr ablegen können.

Ich genieße den Urlaub sehr und die wenigen Tage, die bisher erst vergangen sind, haben mir schon sehr viel gegeben. Ich freue mich unglaublich auf das, was uns noch bevorsteht und bewahre alle tollen Begegnungen im Herzen auf.